Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 10 (16.8.1928)
- Date
- 1928-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
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Und wem es vergönnt ist, diese Schau in voller geistiger Frische und körperlicher Rüstig keit zu halten, .vie unseren, Jubilar, wird dar aus für sich und andere .oertvolle Erkenntnisse schöpfen. Wenn Louis Hirsch am 19. August vor das Bild seines ehrwürdigen Baters tritt, sich in dessen Anblick versenkend, fragt: „Vater, bist du mit mir zufrieden?", so wird eine innere Stimme, aus der des Vaters Geist spricht, ihm antworten: „Ich bin mit dir zufrieden, mein Sohn, d» hast meinem Namen Ehre gemacht. Du hast Zeit deines ganzen Lebens die Lehren beherzigt, die dir im Elternhaus geworden. Du hast Gutes gewirkt im Hause und in der Gemeinde, du hast mcin Geschäft geführt in den Traditionen, die dir von mir überliefert worde i sind, du hast de ne Söhne er-ogcn zu wackeren Männern, die unserer Familie zur Ehre gereichen, du hattest stets ein offenes Herz und offene Hände für Arme und Bedürftige. Ich danke dir, mein Kind." Und dies Bewußtsein eines so erfolgreichen Lebens wird Louis Hirsch an diesem Tage mehr erheben, tiefer beglücken als alle Ehrungen, die ihm zugedacht find. Ist ein 70. Geburtstag auch in erster Linie ein Familienfest, so kann sich eine solche Feier bei einer im öffentlichen Leben wirkenden Persönlichkeit doch nicht auf den engen Kreis der Ange , hörigen beschränken, auch die Oeffentlichkeit ha» das Recht, mehr noch, hat die Pflicht, den Tag festlich mitzubegehen. Unsere Ausgabe aber ist es vor allem, unseren Lesern das Bild des Mannes zu zeichnen, der so hervorragend in unserer Ge meinde gewirkt hat, und sich zu unserer Freude auch heute noch in seltener Frische betätigt. Wenn wir uns fragen, was ist der hervorragendste Charakterzug im Wesen von Louis Hirsch, was ist cs, das immer von neuem unsere grüßte Bewunderung erweckt, so fällt die Antwort leicht: Korrektheit, Geradheit im Rede» und Tun, der Mut zur unbedingten Offenheit und Wahrheit, ohne Rücksicht auf die eigene Person, verkör pern sich in ihm zu einer selten gesehenen Ei» heit. In einer so sehr dem Materialismus hul digeuden Zeit wie der unseren hat Louis Hirsch es verstanden, an den Idealen seiner Jugend festzuhalten. Er, der großzügige Kaufmann, rech net Nicht mit Geld und nicht mit Zeit, wenn cs gilt, seinem Nächsten zu dienen. Es wurde erst jüngst gelegentlich des 75jährigen Jubiläums des Jsr. Krankenunterstützungs - Vereins an dieser Stelle ausgeführt, welche nie versagende Liebestätigkeit Louis Hirsch während 30 Jahren als Ausschußmitglied und Vorstand dieses Vereins entfaltet hol. Ties hinderte ihn aber nicht, auch in anderen Vereinen (Landes-Asyl, Waisenanstalt Wilhelmspflege, Landesverband für jüdische Wohlfahrtspflege, Fürsorgerat und Arbeitsausschuß des jüd. Fürsorgeamts, Kuratorium der Thalheimer Stiftung, Kuratorium der Pslaum-Stiftung, Ortsausschuß des C. B. d. St. j. Gl., Württ. Landes ausschuß des C. B. d. St. j. Gl.) an verantwort- Hirsch Religionsgemeinschaft Württembergs re alt. licher Stelle segensreich zn wirke». Geben ist auch bei vorhandenen Mitteln nicht leicht, es ist eine Kunst, die verstanden sei» will. Louis Hirsch ver steht sie. Gerade die delikate Form, in der er gutes zu tun weiß, macht ihn zum berufensten Vermittler, wo es gilt, Notleidenden beizu stehen. Louis Hirsch's Hilfsbereitschaft bewährte sich zu alle» Zeiten, galt jedem Hilfsbedürftigen ohne Unterschied der Konfession. Er war auch Mitglied des Unterstützungsausschusses des Lo kalwohltätigkeitsvereins und gehört z. Z. dem Ausschüsse des WohlfahrtsvereinS (Zen.ratleitung für Wohltätigkeit) an. Wenn wir im vorstehenden die charitaiive Tä tigkcit unseres Jubilars in den Vordergrund ge rückt haben, so geschah es nicht, weil sich sei» Wirken für die Allgemeinheit damit erschöpft hätte, sondern weil diese nach außen hin in erster Linie in Erscheinung tritt. Nicht weniger groß aber sind die Verdienste, die er sich in langen Jahren als Oberkirchcnvorsteher bzw. Mitglied und Vizepräsident des israel. Lbcrrates crwor ben hat. Schon König Wilhelm II. hat ihn in diese hohe Behörde bccusen. Und diese Berufung fand ihre Bestätigung, als nach der neuen Verfassung die Zusammensetzung dieser Behörde durch Wahl geschah. Große Anforderungen an Zeit und Arbeit werden an die ehrenamtlich tätigen Mitglieder des Obcrrates gestellt. Nicht nur die schwierigen Verwaltungssragen gilt cS zu beherrschen; ganz besonders wichtig find die Entscheidungen in Fragen des Unterrichts, der Anstellung von Rabbinern und Lehrern usw. Hierzu ist guter Wille nicht hinreichend, nur reiche Erfahrung, großes Wissen und vor allem strengste Objektivität befähigen zur Erfüllung dieser schwierigen Aufgaben. Louis Hirsch hat sich hierbei allezeit glänzend bewährt, sich insbesondere bei der Ausarbeitung der neuen Verfassung große Verdienste erworben, so daß er mit Recht als ein Führer unserer Gemeinschaft bezeichnet werden darf. Als solcher ist er überall mannhaft eingetreten, wo es galt, die gekränkte Ehre des Judentums zu verteidigen. Zu gleicher 'Zeit hat er sich aber als kerndeutsch empfindender Mann, als aufrichtiger Vaterlandsfreund und kernfester Württemberger bewiesen. Wen» ,vic so das Bild des verehrten Mannes vor unser» Lesern erstehen ließen, geschah es nicht, »m dem Jubilar ein Loblied zu singen. Der tiesepe Sinn ist darin zu suchen, uns selbst Rechenschaft zu geben, was wir ihm schulden. Und »vir sind der Zustimmung aller, die Louis Hirsch und sein lautere;, vorbildliche; Wesen kennen, sicher, »renn .vir sagen: wir schulden ihm tiefsten Tank für sein selbstlose; Wirken für die Gesamtheit der Judentums, für seine nie erlahmende Tätigkeit in der Verwaltung unserer Gemeinschaft, für seine Ausopferung in Ausübung loerktätiger Nächstenliebe. Und dieser Tank soll seinen Ausdruck sinden in dem heißen Wunsche, daß Loui; Hirsch noch viele Jahre wirken möge zu eigener Besr edigung, zur Beglückung der Seinen, zu unserer aller Freude. Möge er sehen, wie seine Söhne sich betätigen in seinem Sinne, möge er sich des Heranblühens seiner liebliche» Enkelkinder erfreuen dürfen. Ter 19 August 1923 ist ein Jubeitag im Hanse Hirsch. Er ist es aber auch i» weiten Kreisen unserer Gemeinde, die dieses Fest Smit innerster Freudigkeit mitbegehen. Verschönert wird d e'e: Tag durch das Be wußtsei», daß .vir keinen alten Mann feiern. Unst-r Loui; Hirsch darf nicht rasten, wir brau che» ihn noch. Und daß dies Gefühl alle Ge meindeglieder beherrscht, sei für ihn der glänzendste Beweis der allgemeinen Wertschätzung. M O. Aus den Gemeinden Württembergs. Stuttgart. Ta; Israelitische Fürsorgeam » hat im Mo lat Juli 102$ unter Mitwirkung der an geschlossene» Wohltätigk'itSvereine folgende Tätigkeit entfaltet: laufende llnterstühunge» Mk. 1260.38— einmali.fc Unlerstützunge» Mk. 51t.39 GesundheitS u. Erholungsiüriorgc Mk. 751.30 Anstaltsfürforge Mk. 183.65 Durchreisende Mk. 193.60 An zwölf Erwachsene und sechs Kinder wurden ins gesamt 75 Kleidung« und Wäschestücke abgegeben. Au Spenden erhielt das Fürsorgeamt Mark 65.— von: Herrn Tr. Ltto Hirsch statt einer Kranzspende für Herr» Kommerzienrat Adolf Wolf, Herrn und Fra» Julius Marz. R. R, Fra» Hertha Roscnseld, Iahrzeitspende. Sprechstunden der Fürsorgerin: Sonn tag, Montag, Tienstag, Tonnerslag vormittags 9>s bis 111., Uhr. Mittwoch. Freitag nachmittags 3 bis 5 llhr. Stuttgart. Tie Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Tuberkulose unter den Jude», E.B., Frankfurt a. M., will, da die vorhandenen allgemeinen und jüdischen Heilanstalten Nicht ausreiche», ein.' neue jüdische Heilstätte errichten, in der die bedauernswerten jüdische» Tuberkulose Uranien einer sicheren Heilung zugesührt ivcr de» können. Zu diesem Zwecke veranstaltet die Arbeitsgemeinschaft zur Zeit eine Lotterie mit G, ivinnen im° Werte' von 90 000 RM. Tic Haupt gewinne sind: Eine Perlenkette im Werte von RM. 15 000, Wohnungseinrichtungen, Autos etc. Wir bitten unsere Ärmeindemitgliedec von dieser Lotterie ausgiebigen Gebrauch zu machen und tveifen noch aus drücklich darauf hin, daß die Lose zum Preis von 2 RM. pro Stück beim Landesverband für ifr. Wohlfahrtspflege, E.B., Stuttgart, Hofpitalstr. 36, zu erhalten find.