Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 9 (1.8.1928)
- Date
- 1928-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4904101-5441815-5443029--1920-4905905- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Gemeinde Zeitung für die ffroelittfcöen Gemetnden Württembergs s«rn,»pr«>» «infchiievuch ScfkUgtl» ItUirNch 5 Ml. Ijnlbfätrrtl<*t t.50 DtmtllMtntdi 1-tfl JLH, atnjdniiinnMr 15 n«ich«psenni, PoKonto: Mt5» Erscheint »»nntlich ,»«i»nt »« I. n. 16. vertag: Israelitische Verlagsanstalt G. m. d. k,. fernfpr. 1331* » Stuttgart » «aferaeastr. 13 Schrtltlettung: Stadtraddiuer Dr. Rieger, Stuttgart, LharlotteaftraS« 13 »nj<lg<npr<lf: dt« «tnlpolttg« noopoMUl*)«»* 30 weich »Pfennig Umfäilogftllcn n. Dorjug»ptäfe« noch Tneif, fomUtennn-eigen und kl«tn« stn-eigen di« KieinzeU« tO Neichspfennig, Neitinme-eU« 130 Mt Bei Wiederhol»»,«» Bergiinstig»», V. 309*00110 Gtnttoort, 1.9Io0uft 1926 3t*. 9 Achte auf dich, man sieht didi! Durch die Zeitungen ging zu Beginn der Reisezeit eine Mahnung an die Deutschen, die, ihre Freizeit im Auslande verleben. Der Ausländer beurteilt Deutschland und das Deutschtum nach den Deutschen, die er kennen lernt. Damit ist die ernste Verantwortung gekennzeichnet, die jeder Deutsche im Ausland« seinem Baterlande gegenüber empfinden soll. Achte auf dich, man sieht dich! Die Mahnung gilt wortwörtlich auch für die Juden in Kurorten und auf Erholungsplätzen. Es mag die freie Freude der Ferientage, ein engen, es mag die Harmlosigkeit des Genießens der Freizeit beeinträchtigen, aber es ist nun einmal Tatsache: der Nichtjude, der sonst keine Gelegenheit hat, mit Juden in familiäre Berührung zu »kommen, lebt jetzt mit jüdischen Menschen zum ersten Male unter einem Dache, ist aus den Verkehr mit ihnen angewiesen, kommt täglich, stündlich mit ihnen in gesellschaftliche Beziehungen. Er hat so viel von der lärmenden Aufdringlichkeit, von dem protzigen Gebühren der Juden gehört und gelesen, daß sein Auge besonders geschärft, sein Ohr besonders gespitzt ist, diese angeblichen Unarten an den Juden zu entdecken, die mit ihm für einige Wochen zusammenleben. Die wenigsten Jude» ahnen, wie scharf sie beobachtet werden, wie man daraus wartet, an ihnen die Züge zu entdecken, die man den Juden so überreich andichtet. Der Jude leidet dabei nicht etwa unter einer besonderen Mißgunst seiner Umgebung, er erfährt nur das Schicksal umkämpfter und in ihrer Art angezweifelter Minderheiten In den Sprüchen der Väter sagt Rabbi Jchuva der Fürst: „Achte auf dreierlei und du vermeidest die Sünde: wisse, was über dir ein schauendes Auge, ein lauschendes Ohr, und alle deine Taten werden verbucht." Das Wort spricht von Gott. Aber es kann auch auf Menschen gedeutet werden. Dann ist es eine Mahnung, streng auf sich zu achten. Denn du wirst gesehen, du wirst ge hört, und all dein Tun wird verbucht. In der Wiener „Neuen Welt" vom 15. Juni 1928 spricht Robert Stricker vom Niedergang des Wiener Judentums. Er sieht in der Lebensführung der dortigen jüdischen Frauen eine wesentliche Ursache dieses Niedergangs: „Man fürchtet, als Moralphilister beschimpft und verhöhnt zu werden, man fürchtet, in den Geruch eines Puritaners zu kommen, darum schweigt man allgemein über die Lebensführung jüdischer Frauen." „Man murmelt etwas vom Recht der Frau auf Ausleben... man begeht dabei einen Schwindel und macht aus dem Rechte der arbeitenden, der zu Hause oder im Berufe arbeitenden Frau auf eine freie behagliche Existenz ein Recht der faulenzenden Frau aus leere Genießerei, welche die Familie, den Mann, die Kinder und das Volk schwer schädigt. Beliebt ist die Ausrede: das alles läge im allgemeinen Geist der Zeit. Und wenn es so wäre, so besagt das für unS Juden nichts. Wir Juden haben immer davon gelebt und haben uns dadurch erhalten, daß wir uns gegen den Geist der Zeit, wenn dieser Geist zum Niedergang führte, zu wehren wußten, daß wir gegen den Geist unserer Umgebung zu leben wußten, wenn es mit dieser Umgebung bergab ging. Mögen die das Leben verspielenden und vertanzenden Frauen, Töchter und Mütter als Produkte des Geistes der Zeit genommen werden! Dem Geiste und dem Charakter des Ju dentums entsprechen sie gewiß nicht. Für uns ist also diese Erscheinung etwas Wesensfremdes, das bekämpft werden muß." Gewiß gelten alle diese Worte mit derselben Be rcchtigung auch für die nichtjüdischen Frauen, die ihre Schlichtheit und Frauenwürde nur zu ofr vergessen. Es ist aber doch ein Unterschied. Tie jüdischen Frauen stehen an weithin sichtbarer Stelle, die jüdische Gesamtheit wild für ihr Tun und Lassen verantwortlich gemacht. Das müssen sich jüdische Frauen und Mädchen gerade in Kur orten und Badeplätzen impier wieder ins Gedächl nis rufen. Aber in einem Teile ist Stricker ungerecht: er vergißt in seiner Kritik die jüdischen Männer, dir wahrhaf.ig nicht weniger verantwortlich für die Achtung sind, ohne die das Judentum nicht bestehen kann. Man erinnere sich an Erlebnisse an Spieltischen, in Luxusgastställen, in Tanz bars, in denen Juden eine peinliche Rollo ge spielt, Judendie daheim reserviert und zurückhaltend leben, aber an Kurplätzen auscauen und unter dem ungewohnten Alkoholgenuß den Grand- Vivcur markieren und nicht nur sich, sondern ihr Judentum schwer belasten. Es ist besser, als Spielverderber verschrieen zu werden, als sich in Situationen bringen zu lassen, denen man eben nicht voll gewachsen ist. Dabei sei ohne weiteres zugegeben, daß die gerügten Tatsachen Harmlosigkeiten sind. Aber ein Jude darf sich eben solche Harmlosigkeiten nicht erlauben, w.'vn er nicht den peinlichsten Mißdeutungen ausgesetzt sein will. Dabei ist nur eines zu bewundern, daß die Kritik der Jude» über ein derartiges Betragen anderer Juden meist unnachsichtlich schroff aüssällt, daß aber die Berrofsenen selbst die nichtsahnenden Unschuldsengel spielen. Achte aus dich, man sieht dich und beurteilt »ach dir die Gesamtheit, der du angehörst. „Bescheidenheit ziert Israel mehr als Purpurgehängt den weißen Zelter". In Israel ist jeder Bürge für den Bruder und die Schwestcr. Vergiß nicht: Ein Auge sieht dich, ein Ohr hört dich, und alle deine Taten werden verbucht. Denke-daran nicht nur um deine.willen, nein, um unsertwillen! Zum Abschied. Von Rabbiner Dr. Cohn, z. Zt. Partenkirchen. Bevor ich aus meinem bisherigen Wirkungskreis scheide, möchte ich es nicht unterlasjen, mich mit einigen Worten von den Mitgliedern der Stuttgarter Gemeinde zu verabschieden. Dabei möge es mir gestattet sein, insbesondere aus der in Stuttgart gewonnene» Erfahrung her aus, zu Nutz und Frommen aller Beteiligten, der Lehrer, der Eltern und Schüler einige; über die Schwierigkeiten und Notwendigkeiten de> is raelitischen Religionsunterrichts zu sagen Vor mir liegt die Toppelnummcr 6 7 der „Jugendbundes", der Mitteilungen des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Ta lese ich in einem Referat von Tr. Herzseld Essen über die Arbeit der Jugend in der Gemeinde: „Wenn wir die Erhaltung und Förderung des Judentums wollen, so müssen wir damit begin nen, daß unsere Jugend schon in frühen Jahren die Großartigkeit und den Ideenreichtum des Judentums verehren und lieben lernt. Hierzu ist eine gründliche Aenderung des Religionsuntec richts vonnöten. Heute ist es doch leider noch vielfach so, daß wertvolle Kräfte unserer Jugend uns verloren gehen, weil ihr durch den Reli gionsunterricht alles Jüdische verleidet wird." Die Feststellung, daß unsere Jugend mehr noch als bisher den geistigen Gehalt des Judentums erkennen und erhalten muß, ist richtig. Die so oft und so gerne ausgestellte Behauptung je doch, daß die vielfach zutage tretende Unfruchtbarkeit des Religionsunterrichtes in der Hauptsache auf die ungeschickte und unzweckmäßige Art seiner Erteilung zurückzusühren ist, halte ich, soviel wenigstens größere Gemeinden in Betracht kommen, für ungerecht. Die Schwierigkeiten lie gen keineswegs in erster Linie in der Person des Lehrers. Der Lchrer kann ein trefflicher Päda goge sein, in profanen Fächern Vorzügliches leisten, und doch aus dem Gebiete des Religions Unterrichtes versagen. Die Schwierigkeiten liegen auf anderem Gebiete. Sie sind teils äußerer, teils innerer Natur. Die erste Schwierigkeit, auf die immer wieder hingewiesen werden muß, liegt in der Einstellung de; Elternhauses gegenüber allem, was mil religiösen Denken und mit religiöse» Dingen zusamme.ihängt. Es ist schon oft und mit Recht daraus hingewiesen worden, daß wir Juden im Grunde genommen konservativ gerichtet sind. Wir sind es im guten wie im bösen Sinne. In andem Kreisen hat man schon längst die ma.erla.i lisch natur.vi,senchastliche Betrachtungsweise der Tinge, wie sie vor einigen Jahrzehnten üblich war, überwunden. In unserer Mitte wirkt sie noch fort. Da gibt es viele, die sich liberal nennen, die aber im Grunde ganz ohne Religion, wenigstens ohne jeden Aedanken an Religion, wenn nicht gar religionsfeind lich sind. Das schließt jedoch nicht aus, daß sie die Kinder doch noch zum Besuche des Religionsunterrichts anhalten. Man fühlt sich nämlich in seiner eigene» Einstellung zur Religion nicht ganz sicher. Man mag sie sogar zeitweise als nicht genügend durchdacht und oberflächlich empfinden. Immerhin, man ist skeptisch und hält mit seiner, Slepsis auch im Familienkreise nicht zurück. Und „tvie die Aster sungcn, so zwitschern die Jungen". Das zeigt sich besonders im Religionsunterricht. Das ist die Ursache dafür, daß die Fragen der Kinder, die nach moderner pädagogischer Anschauung von ihrem Fragerecht uneingeschränkten Gebrauch machen können und machen sollen, oft nicht so sehr an die Frage des Chochom, des Frommen, in der Haggadä erinnern, der fragt, um belehrt zu werden, sondern an die Frage des Roscho, des Bösewichts, der lediglich Opposition machen will. Die Anforderungen, die an die Geduld, aber auch an das Wissen des Lehrers gestellt werden, sind nicht gering. Erst, wenn es ihm gelungen ist, das Mißtrauen, das der Schüler ihm anfänglich entgegenbringt, zu beseitigen und sich seine Freundschaft und Zuneigung zu erwerben, erst dann kann sein Unterricht den Erfolg haben, in den Gemütern auch wieder für religiöses Fühlen und Denken Raum zu schaffen. Es ist selbstverständlich, daß der Lehrer mit Schülern dieser Art die letzten