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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-06-16 · 8 (16.6.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
8 (16.6.1928)
Date
1928-06-16
Page
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Die Freunde des Hauses Wolf wußten bereits, daß Adolf Wolf schon seit längerer Zeit nicht mehr im Vollbesitz seiner Kraft und Gesundheit war. Wer aber den lebensfrohen Mann mit dem feinen, immer gütigen Lächeln auf den Lippen und in den Augen sah, glaubte doch, daß ihm noch Jahre frohen beglückenden Schaffens vergönnt sein würden. Man glaubt ja so gerne das, was man wünscht, und wer Adolf Wolf kannte, der tvünschte ihm alles Glück der Erde. Umso tiefer erschütterte die Nachricht, daß er in Kissingen, wohin er mit den Seinigen zur Erholung gereist tvar, ernstlich erkrankt war. Und dann verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Schreckenskunde, daß Adolf Wolf am Montag, drei Uhr nachmittags, kampflos und friedlich aus dem Leben gegangen. Noch ist die Wunde zu frisch, um alles das sagen zu können, was dieser Tod über den Kreis seiner Angehörigen hinaus bedeutet. Erst wenn sein Leben Erinnerung geworden, wird es an der Zeit sein, das alles auszusprcchen. Heute kann nur tiefe Dankbarkeit aus bewegtem Herzen zum Ausdruck bringen, daß Adolf Wolf ein Ehrenblatt in der Geschichte der Nächstenliebe verdient. Bon anderer Seile wird es dargelegt werden müssen, was Adolf Wolf, der Mitbegründer und Mitinhaber der Firma W. Wolf und Söhne, Baumwolle- und Putzwollefabrik in Unterlürkheim, sür die Industrie nicht nur unseres engeren Heimatlandes geleistet hat. Se ne organisatorische Begabung und sein geschäftlicher Weitblick waren die Grundlagen seines Erfolges. Als ein 17jähr. Jüngling war er hieher aus seinem Heimatort Bierinzen gekommen. Als Zwanzigjähriger trat er in die von seinem Vater begründete bescheidene Firma ein, die ihren Ausstieg zu einem Welthause nicht zum wenigsten seiner hohen Begabung und seinem eisernen Fleiße verdankte. Mit seinen Brüdern Isidor, Moritz und Max schuf er die großzügige Organisation seines Hauses. Das Einzigartige an Adolf Wols aber war, daß er bei allen seinen Erfolgen der anspruchslose bescheidene Mann blieb und trotz seiner ungeheuren Arbeitslast die Zeit fand, an zahlreichen. Wohlfahrtseinrichtungen an führender Stelle mitzuwirken Als Vorsitzender des Israelitischen Männervereins, als Ausschußmitglied des Eßlinger Waisenhauses, als Mitglied des Borsteheramtes der Israelitischen Gemeinde Stuttgart, dem er seit zwanzig Jahren angehörte, hat er vorbildliche Arbeit im Dienste der Nächstenliebe und des Idealismus geleistet. Aber darüber hinaus' gab es keine Bestrebung aufbauender Menschenliebe, an der nicht Adolf Wolf tätigen Anteil nahm. Damit war jedoch seine menschenfreundliche Mitarbeit nicht erschöpft. Sein Haus stand allen Armen und Notleidenden offen. Niemals fehlte die Zeit, einen Bittsucher geduldig anzuhören, um ihm die stets hilfsbereite Hand zu reichen. Er gestorben am 9. Juli 1928 pflegte lächelnd zu sagen: Ich habe in meinem Hause ein eigenes Fürsorgeamt für alle Armen und Notleidenden. Es war tatsächlich oft kaum zu begreifen, woher der vielbeschäftigte Mann die Zeit nahm, so vielen ein Freund und hilfreicher Berater zu worden. Nun ist Adolf Wolf nicht mehr unter den Lebenden. *Der Genius der Nächstenliebe verhüllt weinend sein Angesicht. Hunderte stehen als Leidtragende an seinem^Grabe. Einer der Besten auf dieser Erde ist von uns gegangen. „Tie Erinnerung an einen solchen Frommen ist eine unzer störbare Kraft des Segens." Sein Andenken wird unvergessen sortleben. XroMrrfrler für ftomwersirarot cneoff Wolf Am 11. Juni, nachmittags 3y* Uhr, wurde Kommerzienrat Adolf Wolf zur letzten Ruhe gebettet. Wir haben bereits an anderer Stelle dieses Blattes die großen Verdienste dieses seltenen Mannes gewürdigt, aber man kann seiner nicht gedenken, ohne immer und immer wieder ihn zu rühmen, ihm zu danken. Unwillkürlich drängen sich in der Erinnerung an ihn die Worte Hamlets über unsere Lippen: „Er war ein Mann, nehmt alles nur in allem, „Ich werde nimmer seinesgleichen seh'n". Dies kam auch in all den Ansprachen znm Ausdruck, die sein Andenken ehrten. Dicht gedrängt umstand die Menge den schlichten Sarg, und Tausende, die nicht zur heiligen Stätte ziehen konnten, mögen sich in Gedanken zu den Leidtragenden gesellt haben. Leidtragende aber waren an dieser Bahre alle, die Adolf Wolf kannten. Tic Trauerseler wurde e ngeleitet durch das vcn den Zöglingen de; Eßlinger Wais.nhauses gesungene Lied „Enosch kechozir jomo.v" (Der Mensch, wie das Aras sind seine Tage), worauf Stadtrabbiner Tr Si eger die tiesergrcifende Grabrede hielt. Er führte uns das Bild dieses getreuesten d:r Söhne des-edlen Gatten, zärt lichen Vaters, nie versagenden Freundes vor Augen, kennzeichnete den >a kräftigen Kaufmann, der durch, sein Genie ein Werk schuf, das sich aus bescheidensten Anfängen zu einem in wei ten Landen verbreiteten, höchstes Ansehen ge nießenden Unternehmen auswuchs. Aber so großes er im Verein mit seinen Brüdern geschaffen, es wurde überragt durch die Großzügigkeit, mit der er werktätige Nächstenliebe übte. „Helft Eue ren Brüdern, dann habt ihr sür die Evigleit gelebt." Dieser heilige Spruch war die Devise seines Lebens. In ihm hat uns die Sonne der Liebe gefeuchtet. Adolf Wotf, e n Engel der Liebe, ist ewig vor Gott, dessen Trost spendender Bote er war. Er war ein König im . Reiche der Menschenversöhnung, de; Erbarmens. Tie Perm sten der Brüder standen seinem Herzet am nach sten. Und Jude war er von ganzem Herzen, ein Idealist aus reinster Ueberzeugung, der demütigste, frömmste Beter in unserer Gemeinschaft. Als Mensch aber war er, der so großes gefchas fkn. der gesuchte Ratgeber, der sich nie vertrug nende Helfer, der tatkräftigste Förderer aller gemeinnützigen Werke ohne Unterschied der Kon " fcssion,- von einer geradezu rührenden Beschei , denheit. Er, der rastlos schassende Mann, hatte stets Zeit für jeden, der Hilfe heischend zu ihm kam. Unvergessen wird Adols Wolf weiterleben in unserer Gemeinde, ein leuchtend Vorbild der Barmherzigkeit. Namins des PorsteheramtS und der Jsraeliti schen Gemeinde sprach Vorstand Arthur Essinger Worte des Abschieds. Er würdigte die gro ßen Verdienste d:s Entschlafenen, der jahrzchnte lang dcm Vorsteheramie angchörte Auf seinen wertvollen Rat, aus seine stets bewährte Hilfe war zu allen Zeiten Verlaß. Die Lücke, die sein Tod riß, ivird nie gesü lt werden, wie auch nie die dankbare Erinnerung an ihn erlöschen wird. Für den Israelitischen Männerverein sür Krankenpflege und Leichcnbestattung sprach in tiefster Ergriffenheit Leovold Levi. Mitgl. d. Oberrates. 26 Jahre lang hat Adolf Wolf als Mitglied des Ausschusses, dann als Vorstand im Verein gewirkt. Er war uns Führer und Wegweiser. Er war und wird sein ein leuchtendes Vorbild sür alle Zeiten. Nur rin drin gender Grund oder OrtSabwesenheit konnte ihn abhaltcn, den verewigten Glaubensgenossen das letzte Geleite zu geben. Insbesondere fehlte er nie, wenn Arme aus unserer Gemeinde zu Grabe getragen wurden. So zollen auch wir ihm Liebe und Treue und unauslöschliche Dankbarkeit sür alle Zeiten. Landgerichtsdirektor Stern dankte dem Verstorbenen im Namen aller jüdischen Wohlfahrtsvcreine Stuttgarts, insbesondere aber sür das Jsr. Waisenhaus, Landesasyl und den Krankenunterstützungsverein, in deren Ausschüssen Adolf Wolf seit Jahrzehnten einer der eifrigsten Mitarbeiter war. Cr, der königliche Kauf-

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