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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-07-01 · 7 (1.7.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
7 (1.7.1928)
Date
1928-07-01
Page
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Juli d. I. beim Israelitischen Oberrat in Stuttgart zu melden. Mit Zustimmung der Israelitischen Landesversammlung ist durch Anordnung des Obcrrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Würtem bergs die israelitische Religionsgemeinschaft Wiesenbach Oberamt Gerabron» aufgelöst worden. Wir bitten hierdurch höfl. um umgehende Einsendung der noch ausstehenden BezugsgebLhren^ für das Jahr 1928- 9 von MK. 5.-. Dieselben können auch halbjährlich mit MK. 2.59 entrichtet werden. ~ Isr.Verlagsanstalt G.m.b.H. Stuttgart - Postscheckkonto 3S2 58 schaftliche Unmöglichkeit hinzuweisen. Ebenso ist; über die Geburteneiaschränkung in den jüdischen Ehen bitter geklagt worden, statt aus deren sittlichen und sozialen Gründe hinzuweisen. Daß die Zahl der Eheschließungen durch die Einkommenhöhe bedingt ist, daß die Eheschließungszisfer immer mit der wirtschaftlichen Konjunktur steigt und ebenso mit ihr sinkt, ist dabei mit keinem Worte gestreift worden. Gegen die sinkende Zahl der Eheschließungen gibt es nur ein wirksames Mittel — höhere Gehälter, die es dem anständig denkenden Menschen ermöglichen, einen eigenen Haushalt zu begründen und zu erhalten. So lange aber junge Leute im heiratsfähigen Alter Hungerlöhne erhalten, ist ihre Zurückhaltung Nvn der Ehe sittlich gerechtfertigt. Die Eheschließung ist heute, mit dem Aushören der selbständigen kleinen Existenzen, zum wesentlichen Teile eine Gehalts frage geworden. Man sorge für entsprechende Gehälter und man wird sich über die mangelnden Eheschließungen nicht mehr zu beklagen haben. Wer aber das jüdische Bevölkerungsproblem in Deutschland letzten Endes als ein „religiöses Problem" kennzeichnet, dem ist nicht zu raten und nicht zu helfen. Alles Gottvertrauen in Ehren — aber die Fruchtbarkeitsziffern von ihm abhängig zu erklären, ist reichlich weltfremd. Den Höhepunkt erreichte die Aussprache über die drei Referate, als ein Rabbiner die Gewissenfragcn verriet, die ihm von jungen Gemeindemitglicdern vorgelegt wurden und die er nur „mit Bangen und Zweifeln" nach "der Entscheidung des Religionsgesetzes beantwortet habe. Als eine kluge Frau, die von einem Ohrenzeugen der Aus spräche von der einen dieser Gewissenssragen ge hört, ob man den Sabbath verletzen dürfe, um die Seinigen zu erhalten, fällte sie das Urteil: „Wenn ein Jude so fragt, will er hören, daß die Sabbathverletzung erlaubt ist; er ist also schon bei der Fragestellung innerlich über die Antwort hinaasgewachsen." Dieses Urteil gilt für die ganze I Tagung: Die Rabbiner standen Fragen gegenüber, j die längst und zwar anders, als sie es glaubten und wünschten, entschieden sind. Es ist das Schicksal des modernen Rabbinismus, daß er hinter den Tatsachen einherhinkt, daß er Positionen verteidigt, die tatsächlich längst preisgegeben sind. Die Richtlinien der Liberalen waren bereits überholt, als sie veröffentlicht wurden. Das Leben geht schneUer als die zünftige Buchgelehrfamkeit. Es ist an der Zeit, daß sich die jüdische Theologie mit den Realitäten der Umwelt vertraut macht. Denn wer in dieser Welt wirken will, muß sie kennen. Unsere Theologie ist noch immer dem Leben fern und fremd, mehr Altertumswis senschaft als Gegenwartskenntnis. Sie muß wirklichkeitsverwachsen werden, wenn sie ein Weg weiser für die Forderungen des Lebens sein will. Zur Zeit ist sie noch blutleere Problematik und Weltfremdheit. WELTFREMDHEIT! Es gibt kein Gebiet, auf dem die Praxis die Theorie so hart befehdet wie das weite Reich der Religion. Die religiöse Forderung steht von jeher in unversöhnlichem Gegensatz zu ihrer Er füllung. Und das ist nur natürlich! Denn ihre Forderungen sind so weit gespannt, daß sie als ideale, als ewig unerreichbare bezeichnet werden müssen. Das heißt aber nicht etwa, daß religiöse Lehre und religiöses Leben einen ewigen Gegensatz bilden sollen, sondern daß die Spannung zu einem rastlosenRingen nach Verwirklichung, nach Betätigung der idealen Forderung führen soll. Ohne dieses Sehnen und seine Verwirklichung wird alle Religion weltfremde oder gar scheinheilige Phrase. Das ist der tiefere Sinn der Bibelforderung: kedauschim tihju, was nicht heißt: „heilig sollt ihr sein", sondern „heilig sollt ihr werden", ihr sollt rastlos nach Betätigung des Ideals ringen! Es darf darum als besonders erfreulich anerkannt werde», daß das Leitthema der diesjährigen Hauptversammlung des Allgemeinen Deutschen Rabbinerverbandes gelautet: „Die Forderungen des Judentums für die Gestaltung des Lebens". Dar klang wie ein Heerrus gegen 1>ie allgemeinübliche Auffassung der jüdischen ^Theologie als einer weltfremden Theorie. Rabbiner Dr. Baeck- Berlin gab den richttgen Grundton für die Referate und die sich an sie anschließende Aussprache an, als er einführend die jüdische Religion eine messianische Religion nicht im Sinne der abwartenden und still hoffenden Gläubigkeit nannte und daS Judentum als Messianismus der Arbeit, der helfenden Tat kennzeichnete, als Messianismus, der den Beginn des Gottesreichts schon in der Gegenwatt erstrebt, ihn also schassend verwirklicht. Trotzdem ij^,die Programmsetzung der Tagung eben nur Programm geblieben. Es war nur die Feststellung einer Tatsache, als Dr. Appel-Dortmund am Ende der Aussprache erklätte, daß die Tagung mehr der Wissenschaft als der Praxis gerecht geworden ist, und daß schon vorher Dr. Wolf-Dresden über die Referate das vernichtende Utteil gefällt, daß es für die religiöse Praxis völlig nutzlos ist zu wissen, waS die Juden vor zweitausend Jahren in Fragen des Wirtschaftslebens, der Bodenreform und der Bevülkerungspolitik gedacht, gesagt und getan haben. Die . Tagung war eben in den Erz- und Erbfehler der jüdischen Theologie verfallen, die von jeher zu histottsch und zu philologisch gewesen, die bis zur Gegenwart alle Probleme der Religion durch die Bttlle des Talmnds und der Dezisoren schaut, statt sie vorerst einmal im eigenen Lichte zu sehen. So klangen die drei Referate trotz ihrer vielen treffenden Einzttbemerkungen wie Predigten aus Wölkenkuckucksheim, wie lyttsche Deklamationen naiver Weltfremdheit. Das Problem der Wirtschastsethik im Gegen Wattsjudentum ist wahrhaftig nicht die Bersittlichung der Wirtschaftspolitik durch die religiösen Ideale der Menschenliebe und der Gerechtigkeit, sondern die Tatsache der unaufhaltsamen Proletarisierung der deutsche» Judenheit und die mit ihr unlösbar verbundene Entsremdung vom Judentum. Nur ein allen Tatsächlichkeiten des Le bens gegenüber weltfremder Mensch kann behaup ten, daß der moderne Kapitalismus nicht durch den Sozialismus, sondern durch religiöse Ideale zu „überwinden" ist. Aber noch weltfremder wenn ein solcher Komparativ gebildet werden kann — muß die schöne Rede über die Stellung des Judentums gegenüber der Bodenreform anmuten. Sie wiederholte noch einmal den schon unzählige Male .geführten Nachweis, daß bereits die Agrarverfassung der Bibel bodenresormerisch eingestellt gewesen ist. In behäbiger Breite wurden noch einmal Sabbatherlaß- und Jobelgesetz dargelegt und daß der Boden Gotteseigentum, den die Menschen zum Lehen empfangen. „Um so verwunderlicher ist es, daß in neuer Zeit katholische und protestantische Geistliche für die Bodenreform plaidiert haben, während die geistlichen Führer des Judentums bisher beharrlich geschwiegen. Das muß anders werden!" Und nun kommt zum Beweis, daß es anders wird,' die Mitteilung, daß die Juden einmal ein ackerbautreibendes Volk gewesen sind und angeblich nicht eher sittlich gesunden, bis sie sich zum Lande zurückzufinden wissen. „Wollen wir, daß unser Stamm, der ewig wandernde, wieder seßhaft werde, so müssen wir (wer?) die jüdische Jugend aufs Land und zur Arbeit am Acker schicken." So kann nur völlige Weltfremdheit sprechen. Anscheinend wartet die jüdische Jugend aus die Herren Rabbiner, die sie aufs Land und zur Arbeit am Acker schicken, damit die deutsche Judenheit endlich „seßhaft" werde und nicht mehr zum ewigen Wandern verurteilt ist. Eine Umschichtung der dem Boden seit Jahrhunderten entwachsenen deutschen jüdischen Jugend zum Ackerbau ist eine Unmöglichkeit. Das haben alle dahingehenden Versuche während des letzten Jahrhunderts unwiderleglich dargetan. Das wird auch durch noch so schöne Botträge nicht anders werden. Daß in diesem Zusammenhang die Klage über den Geburtenrückgang innerhalb der deutschen Judenheit nicht gefehlt hat, ist fast selbstverständlich. Umso lebhafter muß es beklagt werden, daß dabei kein Wort davon gesprochen worden ist, daß dieser Gebuttenrückgang keine jüdische, sondern eine allgemeine Erscheinung innerhalb der Wittschastsschicht ist, der die Juden zumeist angehören. Natürlich ist dabei auch die Frühehe empfohlen worden, allerdings ohne auf deren Witt-

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