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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-04-01 · 1 (1.4.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
1 (1.4.1928)
Date
1928-04-01
Page
[Seite] (sequence 3)
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Nach der Satzung soll das Reinerträgnis des Stiftungskapitals zur Erziehung und Ausbildung bedürftiger und »vürdiger israelitischer junger Leut« beiderlei Geschlechts dienen, »velche entweder selbst württembergische Staatsangehörige sind oder deren Eltern seit mindestens zehn Jahren ihren Wohnsitz in Württemberg haben. In erster Linie sollen solche jung« Leute berücksichtigt werden, welche «in Handwerk, technisches Gewerbe oder ein Kunstgeiverbe erlernen wollen. Bewerbungen sind bis zum 1. Mai ds. I. bei dem Unterzeichneten einzureichen. Der Kurator: Regierungsrat Dr. Nördlinger - Charlottenstr. 5. - Ist das jüdische Ritual überlebt? Eine Pe£adibetradihing. Als das wesentliche und entscheidende Gebot des Peßachfestes wiederholt die heilige Schrift die Mahnung: „Erzähle deinem Kinde, w aS sich damals begeben, waS du damals erlcht hast (2. Buch Mose 13,8,14)". Noch mehr, die heilige Schrift gckbietet geradezu, am Fest das Fragen des Kindes zu Wecken: Und wenn dich dein Krnd noch nicht fragen kann, öffne ihm den Mund und 'rrzähle ihm, was geschehen ist! Wie du das Wunder Aegyptens deinem Kinde berichten sollst? Der Weisheftslehrer aus Israel gibt die Antwort: „Erzieh« dein Kind kindgemäß, dann wird es herangewachsen vom rechten Wege nicht »veichen (Sprüche 22,6)". Rede mit dem Kinde in seiner Sprache, in den Ausdrucksformen, die dein Kind verstcht, ordne dich in sein Denken und Fühlen rin! Wer mit seinem Kinde in der Fremdsprache der Herangewachsenen spricht, gleicht einem Menschen, der seinem Kinde Speise reicht, die für den Erwachsenen gut ist, aber des Kindes Gesundheft gefährdet. Das Leitmotiv des Peßach und zugleich der Sinn seines Rituals ist so die Mahnung: „Rede zu deinem Kinde!" Sie beantwortet die Frage, welche das Thema eines Diskussionsabends gewesen ist, den die ,Lüdisch« Waisenhilfe" in Berlin im März veranstaltet hak: „Gibt es einen Weg zum-jüdischen Ritual?" Erich Gutkind, der Lefter des Abends, schilderte die Größe der Ger fahr, die sich darin kundgibt, daß das Judentum die Einheit seiner Formen verliert. Er deutete das jüdische Ritual als Training des jüdischen Menschen zur Schaffung des jüdischen Typus. Bon diesem Standpunkt aus hat auch das ohne Andacht geübje Rftual seine Bedeutsamkeit. Er wünscht darum ein Neuaufleben des Rituals im Sinne des Propheten, der von einer Zeft träumt, in der die Opferpsannen auf dem Aftar so heilig sein werden wie die Schellen der Pferde (Sech. 14,30> er ersehnt die Heiligung des Alltags, die Vergeistigung des Lebens durch das Ritual. Der Berliner Rabbiner Dr. Max Wiener will das Ritual allerdings ° nicht missen, aber er betrachtet es in seiner Ganzheit als totgeweiht, als der unaufhaltsamen Atomisierung und Zersetzung preisg eg eben. Zu diesem Urteil veranlaßt ihn nicht nur der Blick auf die westliche Judenheit, in der der Sinn für das Rftual sichtbar abstirbt, sondern vor allem die Tatsache, daß die ostjüdische wie die palästinensische und die amerikanische Jugend das Verständnis und damit den Zusammenhang mft dem Ritual preisgegeben. Dr. Weltzsch hofft dagegen auf das Werden eines neuen Rituals in, Erez Israel. Er empfindet, daß es unmöglich ist, einen Ritus ohne Andacht, ohne innere Einstellung zu ihm zu erhalten; religiöse Handlung und Empfindung müssen eine feste Einheit bilden. Der bedeutsamen Aussprache fehlte das Fundament — die Frage nach dem Kinde. Ter Sinn der Mizwah, des religiösen Brauches, ist die Erzichung zur Religion. Ihre Rechtfertigung und Begründung ist dir biblisch« Mahnung: „Erzähle deinem Kinde". Diese Erzählung soll kein bloßes blasses plattes Plaudern, sondern kindgemäß sein. Sie soll, um ein Wort unserer Weisen anzuwenden erfolgen, "wenn das Peßach, die Mazzoh und das bfttere Kraut vor dir liegen." Der Anblick soll das Wort verlebendigen, und der Brauch der Hebel und der Schüssel zum religiösen Erlebnis werden. Der Weg zur Religion führt durch das Tor des Rftuals. Der Erwachsene mag das Ritual als Reizmittel des religiösen Erlebnisses entbehren können, vielleicht, daß ihm die Stimmungen der Religion unmittelbar aus deren Geist zuströmen. Der Durchschnfttsmensch benötigt den Brauch, so wie er das vorgeschrittene-Gebet als Motor der Gebetsstimmung benötigt. Für das Kind aber ist die Vermittlung des Gedankens durch den Brauch unrntbchrlich. Durch chn wird der Gedanke bildhaft, sinnfällig, einprägsam, lebendig. Die Mazzoh, das ungesäuerte Brot, ist ein Stück lebender Geschichte, der Seder mft seinen Sitten ist blutfrifthes Erleben. Die schönsten Erklärungen, die beredtesten Schilderungen sind dagegen ein farbloses blutleeres Surrogat. Die leuchtende Ueberschrist des jüdischen Rituals heißt: Oefsne deinem Kinde den Mund, den Geist, das Nachsinnen, das Erleben und vermfttle ihm durch den Brauch die Geschichte deiner Gemeinschaft, den Segen deiner Religion. Das Kind muß fragen, der Vater soll antworten und der Brauch soll die Antwort verlÄendigen. Eine geistvolle Teilnehmerin der Berliner Aussprache hat in einem Nachwort gesagt, daß die Diskussion dem Gespräche der Lehrer während der Sedernacht zu Bne Berak geglichen. Aber eins fchlte diesem Vergleiche: die Schüler, die Jungen, die am Ende der Sedernacht die Alten und Lehrer daran erinnern, daß es Zeit ist das Morgengebet zu sprechen. Religion ohne Ritual ist eine Diskussion, welch« den Scharfsinn anregt, die Köpfe erhitzt, aber die Seelen kalt läßt. Sie wird Tat, wenn über dem heißen Wotte nicht vergessen wird, daß der Sinn der Religion das religiüse Leben ist. Die Alten haben gesagt: Gebet ohne Andacht ist ein Körper ohne Seele. Das Judentum ohne Rftual ist eine blendende Redeform, eine aphoristische Geistreichelei, ein historischer Rest, «ine interessante Theorie — nur nicht Judentum! Das Wunder der Mazzen. Eine Geschichte aus Hebels Leben. Von $. Roischild-Wonns. Am 22. September v. I. waren 100 Jahre verflossen, seitdem man den alemanischen Dichter, den hervorragenden Bolksschriststeller Prälaten Peter Hebel zu Schwetzingen in die Erde gesenkt hatte. Natürlich wurde der Erinnerungstag besonders in Baden, seiner Heimat nnd seinem Wftkungskreise mit besonderer Weihe begangen. Bor einigen Jahren war in Hausen, wo seine Eltern anfangs im Winter, nach dem Tode des Vaters immer gewohnt, ein Streit entstanden über das Hebelhaus und zwar zwischen dem Ortsvorstand und dem Vorstände der Httielstiftung. Der Referent des Gerichtshofes zur Schlichtung dieses Stteites, A. v. B., einer meiner Schüler, als ich 1866 das evang. Seminar in Karlsruhe besuchte, wandte sich an mich, um über Verschiedenes sich Auskunft zu erbitten, da er wußte, daß ich mich ftüher sehr eingchend mit Hebels Sieben beschäftigt hatte. So kam es, daß genannter Herr, mein Interesse voraussetzend, mir eine Anzahl Zeftsch^ften zusandt«, die über Httiel und Hebels Gedenkfeiern berichteten. In einer solchen Zeitschrift erzählt Hermann Bortisch folgende reizende Geschichte: „Das Herz duddert mir mehr und mehr, je näh« wir Karlsruhe kommen," sagte Heinrich Foß, d« ein Kandidat der Theologie, mit seinem Kollegen und Busenfreund, Hans Haas, auf dem Wege zur theologischen Staatsprüfung war. „Jetzt ist es erst 8 Uhr und um 10 Uhr fängt das Verhängnis an", fuhr er fort. ,Kaß uns etwas langsam« gehen, wir werden! dann, wenn ich durchgefallen bin, schnell genug wieder heimkommen! Wenn nur das Hebräische nicht wäre, diese v«flixte Judensprache! Und zu allem noch wird man darin von Hebel geprüft, dem man kein x für ein u vormachen kann!" „Das all«dings nicht'", entgegnete der andere. „Ab« soviel Hebel weiß und so gescheit er ist, so kann « doch auch gemütlich sein und er hat schon manchem Kandidaten aus d« Patsche geholfen, weft « ihn immer nur das sagen ließ, was « wußte. Einmal hat er einen gleich zu Anfang geftagt: Welche Kapftel im Alten Testament können Sie am besten üb«setzen?" und als er ihm Psalm 23 nannte, sw ließ er ihn denn diesen ins Deutsche übertragen, es ging ab« so schnell, daß die Zeit fürs Hebräische noch lange nicht vorüb« war. Was tat Hebel? Er sagte ganz leise und verschmitzt zu dem Kandidaten: Uebersetzen Sie den 23. Psalm noch einmal!" „Er kennt mich halt nicht, das ist der Haken L Wenn ich Oberländer wäre, etwa aus dem Wie- LEO BAfiCK INSTITUTE NEW YORK

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