Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 16 (16.11.1927)
- Date
- 1927-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 7)
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— 489-- Aime Palliare: Das unbekannte Heiligtum Han* Sternheim, Stuttgart. Es war an einem Herbstdonnerstag, als der junge Pallisre zum ersten Mal die Synagoge seiner Vaterstadt Lyon betrat und sich klopfenden Herzens unter die andächtigen Beter des Jaumkippurfestes mischte. Feierlich klang die Stimme des Borbeters durch das dichtgefüllte Gotteshaus, uralte Weisen leiteten das Schlußgebet des heiligen Tages ein und demütig beugte sich die Gemeinde. — In dieser Stunde erlebte der strenggläubige, siebzehnjährige Kathol i k Aimö Palliere das entscheidende Wunder inneren göttlichen Rufs. In den Männern, die im Tallith oder im weißen Sterbegewand zu Gott flehten, sah der Jüngling mit einem Male die Glieder eines großen Kulturvolkes, das er längst tot geglaubt, so wie man es ihn gelehrt. Und nun stand ein ganzes Volk von Priestern vor Gott, eine Glaubensgemeinschaft, die ein ngenes heiliges Dasein lebte und die, trotz aller gehässigen Anfeindungen, die Jahrhunderte kraft innerer Weihe überdauert hatte. — Das Erlebnis dieses Herbstabends blieb in des Jünglings Seele haften. Am nächsten Tage kaufte er sich eine hebräische Grammatik und machte sich eifrig an das Studium der heiligen Sprache. An seiner katholischen Grundeinstellung wurde jedoch hierdurch nichts geändert. Es war, um mit Palliöres Worten zu reden, „einfach Originalität, der sich vielleicht ein wenig verborgene Eitelkeit beimengte, daß er fähig war, anders als in der Sprache der Kirche zu beten." Eines Tages erstand Palliere ein altes vergilbtes Büchlein, das für seine weitere religiöse Entwicklung von größter Bedeutung werden sollte. Es behandelte das Ritual- und Zeremonialgesetz der Juden, hatte Leon von Modena, Rabbiner zu Venedig, zum Verfasser und war von dem Bibelkritiker Richard Simon 1682 ins Französische übersetzt worden. Durch dieses Werk wurde der junge Anwärter auf das katholische Pricsteramt, der inzwischen autodidaktisch Hebräisch lesen und verstehen gelernt hatte, in die mannigfachen Vorschriften und Gebräuche des mosaischen Bekenntnisses eingesührt. Nun lernte er langsam verstehen, wie jede rituelle. Vorschrift der Thora von einem göttlichen I mperativ der Selbstheiligung diktiert und von jedem wahrhaft frommen Juden als solche erfüllt wird. Diese neuen Erfahrungen blieben nicht ohne Einfluß auf den um Welt^ anschauvng und Gotteserkenntnis ringenden Jüngling. — Eines Tages kam einer seiner Lehrer, der Abb6 Neyret, den neuen religiösen Neigungen seines Schülers auf die Spur; ein strenges Kreuzverhör bestimmte den Priester, zum größten Schrecken von Pallieres Mutter, zu der Annahme, daß des Sohnes Seele gefährdet sei. Darum wurde der junge Stürmer in die Obhut der Abbes Lemann, zweier getaufter Juden, gegeben, die den Ruf besonders streitbarer Soldaten der römischen Kirche genossen. Aber gerade ihre Methode, die sich in dogmatischen Konstruktionen erschöpfte, weckte in Palliere den Geist der Kritik von neuem. Mit leidenschaftlichem Eifer unterzog er sich nun dem Studium der prophetischen Texte, die zur Erhärtung katholischer Glaubenssätze besonders herangezogen wurden und zweifelte im Verlauf seiner gelehrten Untersuchungen immer mehr an der Richtigkeit des exegetischen Resultate. Dagegen ging er am nächsten Jaumkippur wieder in die Synagoge. Diesmal aber mit einem eigenen Machsor. So wuchs Palliere immer mehr in die Gefühlssphäre des Judentums hinein, ohne sich dessen eigentlich recht bewußt zu werden. Das hebräische Gebet gewann für ihn, der an einem hebräischen Kursus an der katholischen Universität teilnahm und vor iem Abbe Lömann mit tiefer innerer Bewegung als Leseprobe das „Sch'ma" aufsagte, einen immer größeren religiösen Wert. Auch sein Interesse an den Andachtsübungen nahm zu, und als er in Leon von Modenas Büchlein auf eine Beschreibung der Tesillin stieß, fertigte er sich, so gut es gehen wollte, solche an, barg sie in kleinen Säckchen und führte sie stets mit sich. Doch bald entdeckte Palliöres Mutter die selbstgesertigten Gebetriemen und ein Sturm der Verzweiflung brach über sie herein. Sie glaubte, daß ihr Sohn schon zum Judentum übergetreten sei, und bestimmte den Jüngling, der, angesichts des ungeheuren Schmerzes seiner Mutter, sein eigenes seelisches Dilemma erkannte, sich nun ernstlich und vorbehaltlos mit der katholischen Lehre zu beschäftigen. Die Tesillin wurden verbrannt — allein m ALFRED BÖHM STUTTGART / O ALW ER STR AS SB 1® / TEL?