Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 16 (16.11.1927)
- Date
- 1927-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 4)
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— 486 — r“ für jede Fragt die Antwort von vornhinein feststand. Nur eine Erscheinung störte diese Symmetrie — die Juden. Sie waren nicht Heiden und nicht Gläubige. Sie waren in allem „die Anderen", welche die Regelmäßigkeit störten. Tie Juden waren eine Welt für sich, die ihre eigene Well für die bessere, die geistig und moralisch höhere hielt. Tenn ihre Well war eine Welt Dhnc Alkoholismus und ohne Prostitution, eine Welt der Schule und des LehrhauseS, eine in sich geschlossene Erscheinung, die von den Juden als unvereinbar mit der Umwelt empfunden wurde. Mit der französischen Revolution siegt das neue Prinzip, das Prinzip der Andersdenken den und Andersgläubigen, das in der englischen Revolution der Tissenters, der Nonkonsormisten zum erstenmal hervorgekreten war.. Tarum er teilte auch England alS erstes Land den Juden die Gleichberechtigung. Mil dem Siege des Prinzips der Andersdenkenden wandelte sich die Stellung der Juden zur Umwelt ganz ebenso wie die der Umwelt zu den Juden. Mit ihm beginnt die neue Zeit für die Juden, die Zeit des Auszuges aus ihrer befand. en Welt in die Umivelt. Tas Judentum steht noch in dieser Zeit des Uebergangs, aus welchem der Liberalismus des Judentums geboren worden ist. Tie Ju den, die bisher nur ihre eigene Well anerkannt hauen, mußten die Welt LefsingS und Schi! lcrs, Goethes und Kants anerkennen. Ein Teil von ihnen blieb allerdings beharrlich in der Leugnung und Ablehnung dieser neuen Welt; ein anderer ging ganz zu dieser neuen Welt über und löste sich völlig aus der eigenen bisherigen Welt. Zwischen beiden Parteien erwuchs der Li beralismus, der behauptete, daß die eigene Welt wertvoll, aber nicht außerhalb, sondern inmitten der Umwelt verbleiben sollte. Ter Liberalismus wagte den Versuch, das Judentum in das Weltgeschehen kii. T ist seine große historische Leistung. Tatsächlich ist das gesamte mitteleuropäische und westliche Judentum in diesem Sinne liberal geworden. Aber auch die Orthodoxie Hai sich in ihren stärksten Vertretern, Samson Raphael Hirsch und Esriel Hildesheimer, dieser liberalen Idee unterworfen und die alle Welt des Judentums mit der Umwelt in Einklang zu DrtimowillldKr HaushaHKirsus fOr junge Mädchen aus guten jüdischen Häusern in Garmisch-Partenkirchen GriSter matcrspcrtpuiz leafMkluGs Sorgfältigste Ausbildung in allen Zweigen des Haushalts. Besondere Berücksichtigung der feinen wie bärgerlichen rituellen Küche. Auf Wunsch auch wissenschaftliche Kurse, sowie Musik. Illustrierter Prospekt kostenlos. Gefl. Anfragen erbeten an Frau HILDE WOLFF« Partankfpohs«, Landhaus Wolff, Telephon 360, G&trarft £otoinäfö etoMa« Mt M»Illch»chsch»le SutttaHraM 2 (Wrihni Pt»s. »krrmmmt ffniRittfkitinin ». erteilt Kl«,ier»nterricht. bringen versucht (Thora im derech erez). So hat der Liberalismus eigentlich alle Teile des Judentums ergriffen. Tiefer größten Leistung des Liberalismus gegenüber sind seine anderen Wirkungen geringer zu bewerten. Gewiß war sein Bemühen um die Neugestaltung des Gottesdienstes eine große Schöpfung. Ter alte Gottesdienst war ohne feste Ordnung, individualistisch, kein Gemeindegottesdienst, >.'.:ocen nur ein Gottesdienst der räumlich und zeitlich zusam'.ne.ügeschlossencn Individuen Mit dem Nachlassen des Wissens vom Judentum hat diese persönliche Anteilnahme der Einzelnen aufgehörr. Tas Symbol dieser neuen Religiosi tät ist die deutsche Predigt, die sich an die Nichtwissenden in der Gemeinde wendet. Auch die Orthodoxie hat diese neue Predigt notgezwungen übernehmen müssen, um die Kenntnis vom Judentum in der Gemeinde zu steigern. Eine besondere Bedeutung für die Entwick lung o.S Liberalismus bcanspruÄt seine Stellung zur übernatürlichen Osfenbarung. B'sher war das Wunder und die Welt des Wunderbaren ein wesentlicher Teil jüdischer Weltanschauung gewesen. Ter Liberalismus hat das Wunder vers geistigt und der Offenbarung einen neuen Sinn zu geben verstanden und damit einen wescnt lichen Faktor der Religion zu erhalten verstanden. --lian darj aber nicht blind sein für das, was der Liberalismus verfehlt hat. Seine Schwäche ist, daß er einen Teil seiner Formen aus dem Pr-stesiantisinuv übernommen hat. Im protestantischen Gottesdienst ist das Individuum zum Schweigen verurteilt. Seine bezeichnende Aeuße ruü.r i'l der Choral, der den Einzelbeter aus schaltet. Auch darin hat der AltliberaliSmus geirrt, daß er die irrationale Kraft der hebräischen Gebetssprache unterschätzt hat. Sein tiefster Irrtum ist seine mangelnde Rücksichtnahme auf die Pves.i der religiösen Form gewesen. Ter spä tere Liberalismus hat diese Mängel des älteren -.-g issen und tritt für den Zauber und die Poesie der religiösen Bräuche und vor allem für dir Saboatbheiligung mit ganzer Entschieden- | heil Ein Judentum ohne Sabbath ist nur rin Smeinjudrntum; ein Judentum ohne religiöse Form ist der Gefahr der Verflüchtigung pr--..gegeb-n. Wenn daS Judentum die Erschütterungen des >!J. layrh: nderts kraftvoll überstanden, wenn es 'rlerall lebendig sich äußert und sich gesund und zukunftssicher entfaltet, so ist das im wesent lichen dem jüdischen Liberalismus zu danken. M'r innerer Spannung lauschte die große Zu höi-rj^-ar den geistvollen Darlegungen des Red ners. Mit isterialrat Tr. Hirsch, der den Redner beg. ißr hatte, sprach daher im Namen aller, als er dem Redner den tief empfundenen Tank des J-.'-hij^cn Lehrhauses zum Ausdruck brachte.