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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-11-01 · 15 (1.11.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
15 (1.11.1927)
Date
1927-11-01
Page
[Seite] (sequence 9)
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455 teren Veranstaltungen das Interesse und die Unterstützung der jüdischen Allgemeinheit zu finden. Max Gellhorn. Die Berufswahl. Jetzt, da das Wintersemester in den Schulen wieder begonnen hat, tritt bei den Schülern der oberen Klassen, bei denen, die Ostern die Schule verlassen werden, die Frage der Berufswahl stärker in den Vordergrund. Letzthin hatte ich Gelegenheit, aus mir zur Verfügung stehendem Material die Berufswahl vieler jüdischer Knaben und Mädchen zu erfahren. Da bei jeder einzelnen Schülerliste von Seiten der Lehrer, des Schularztes etc., ein genauer Vermerk über körperliche Leistungsfähigkeit, geistige Aufnahmemöglichkeit, Anpassungsvermögen, psychische Struktur und manuelle Geschicklichkeit gegeben war, so kam mir sehr bald die Ueberzeugung, daß es für die jüdische Jugend keinen Beruf gibt, der bei der Berufsberatung in Hinsicht auf manuelle oder geistige Befähigung abzulehnen ist. Aber etwas anderes fiel mir auf, als ich bei der einzelnen Karte den Vermerk las, den der Jugendliche als Grund für seine Wahl angab. Es war fast typisch, daß fast überall zu lesen war: Ich möchte viel lernen, um etwas Besonderes auf meinem Gebiet leisten zu können und um bald selbständig zu werden. Woher stammt dieses heiße Verlangen nach Unabhängigkeit? Zeitgeist? Gewiß, der mag auch mitsprechen, denn auch die nichtjüdische Jugend lehnt heute gern Bevormundung ab, aber doch nicht so schroff und allgemein wie die jüdische Jugend. Ist es vielleicht die unfreiwillige Erbschaft aus früheren Tagen, da der Jude von allem und von allen abhängig war? Lehnt er deshalb heute oft unbewußt die Abhängigkeit in jeder Form ab? Ist es Rasseneigenart, Herrenmenschennatur, die so stark ist, daß ihm ein Unterordnen so schwer fällt oder liegt es letzten Endes daran, daß die Juden ein ganz großes Zeitalter hindurch nicht wie die andern in Stände gegliedert waren, weder Adel, Bürger, Bauern noch Beamtenklassen hatten, sondern höchstens in Besitz und Wissen verschieden waren, ohne daß dadurch eine berufsständige Abgrenzung vorlag? Es liefen sicher viele Motive dem zu Grunde. Aber eins scheint mir nicht unwesentlich und zwar, meine ich, daß vielleicht der Abhängige, genauer gesagt, der Angestellte, in unseren Kreisen nicht die rechte Wertschätzung genießt. Wenn wir so wenige Juden im Staats- und Gemeindedienst finden, so hat das sicher nicht nur allein darin seine Ursache, daß die Juden weniger Anstellungsmöglichkeiten haben, sondern darin, daß der Jude keine „Beamtenseele" ist. Ich glaube, daß bei der Berufswahl ihrer Kinder bei vielen jüdischen Eltern nicht die „Eignung" des Kindes ausschlaggebend ist, sondern daß neben dem Existenzmoment in erster Linie das „Rangmoment" entscheidend ist. EfyriokiAajde, * 0rulimru PELIMÜUEB R.MDLLER PEIZMODEN-HAU5 STUTTGART

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