Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 14 (16.10.1927)
- Date
- 1927-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 9)
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427 — züzugestehcn. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, gibt cs ja seit Jahren auch noch weitere staatlich anerkannte Rcligionsgcsellschaucn. Wir bitten Sie daher, für den Beschluß des Ausschusses nur die Geistlichen der zwei großen Religionsgemeinschaften, die 98 Prozent des württ. Volkes umfassen, als Redner bcizuziehe», auch Ihrerseits Verständnis zu haben. Mit vorzüglicher Hochachtung Ter Ausschuß: gez. Ziegler Oberst a. D. Vorsitzender An dos Stadtrabbinat Stuttgart z. Hd. Herrn Tr. Riezer Stuttgart. 10. Oktober 1927. Sehr ge.hrte Herren! Tie beiden von Ihnen vorgebrachtcn Gründe gegen die Zuziehung eines israelitischen Feldgeistlichen zu der geplanten Weiheseier kann ich bei bestem Willen nicht als stichhaltig anerkennen: Tie christlichen Bekenntnisse und Gemeinschaften sind bei der Feier durch die Personen der drei geistlichen Festredner ausreichend vertreten; dagegen ist die israelitische Religionsgemeinschaft, der doch auch während des Krieges besondere Feldgeistliche zugcbilligt waren, in dem von Ihnen vorgesehenen Gang der Weihefeicr trotz ihres Anteils an den Leistungen des Württ. mobilen Landsturms im Felde völlig übergangen. Tic zeitliche Erweiterung des Weiheprogramms um eine etwa drei Minuten dauernde Ansprache wäre bei gutem Willen unschwer durchzuführe» gewesen. So schmerzlich cs mir ist, muß ich deshalb von einer Beteiligung an der Weihescier Abstand nehmen und reiche Ihnen die beiden Ehrenkarten mit Tank zurück. In vorzüglicher Hochachtung gez. Tr. Ricger Stadtrabbiner. An den Ehrenmalausschuß des wüitlcmb. mcbilen Landsturms, z. H. dcS Herrn Oberst a. T. H. Ziegler. Hier, Hochwohlgeboren, Uhländstraße 4. Julius Bab spricht im B. A. B Im Rahmen des von allen «eiten anerkannten Wintervrogramms des Berthold Auerbach- Vereins sprach am 8. Oktober Julias Bab (Berlin) im Oberen Museum. Es ist ein besonderes Verdienst des veranstaltenden Vereins, daß es möglich war, den als Literaturhistoriker und Kenner des modernen Theaterwesens bekannten Redner über ein rein jüdisches Thema zu hören, nachdem er in einer großen Reihe vvn Vorträgen in Stuttgart erfolgreich über verschieden: Gebiete der deutschen Literatur referiert halte. Zwar kam infolge eines Versehens anstelle des angckündigten Themas („Der Jude als Motiv in der europäischen Dichtung") das Thema: „Der Anteil der Juden an der deutschen Dichtung der Gegenwart" zum Vortrag. Mit dem unfreiwilligen Tausch dursten die zahlreichen Zuhörer sehr zufrieden sein, gab doch die Umkehrung des ursprünglich passiven Themas in ein Aktivum weit mehr Gelegenheit zu positiven Feststellungen. Ter Redner begann mit der Feststellung, daß man von einer spezifisch jüdischen Kunst nicht sprechen könne. Immer sei der betreffende Kulturkreis, dem der jüdische Künstler angehört, ausschlaggebend für die künstlerische Artung des Produktes. Am schärfften aber müsse bei der Kunstgattung gegen die auf rassetheoretischer Basis ruhende Konstruktion einer rein jüdischen Kunst protestiert werden, bei der die Sprache den wichtigsten Anteil hat: bei der Literatur. Dichter, die in deutscher Sprache schaffen, sind deutsche Dichter. Werke, die in deutscher Sprache geschrieben sind, gehören zur deutschen DichMng. Ein Rassedogma könne also unmöglich aufgestellt werden, wo die Sprache dominierender Bestandteil der Kunstgattung ist. Die Differenz zwischen nichtjüdischcn und jüdischen Autoren bestünde lediglich in einer Nuance, die den Werken der jüdischen Künstler ihr Charakteristikum gibt. Dann wandte sich Julius Bab gegen die Legende von der Verjudung der deutschen Literatur, die allenthalben verbreitet sei, und von der jüdischen Allgemeinheit aus falschem Stolz gerne anerkannt werde. Die Beweisführung gegen diese unrichtige Behauptung bildete den Kernpunkt der weiteren Darlegungen des Redners. Aus dem großen Kreis der Literatur, zu dem Zeitung, Wissenschaft, Bühne und Dichtung gehören, griff Bab die zwei Faktoren Kritik und Dichtung heraus. Er behandelte als ersten Teil die Tätigkeit der Nebersezer, ohne die eine Einbürgerung fremdsprachlicher Kunstwerke unmöglich ist und stellte fest, daß aui diesem Gebiet allerdings die Juden eine fast herrschende Stellung cinnehmen. Er nannte die Namen Stefan Zweig und Trebitsch, ron denen der erste speziell durch seine hervorragende Uebersetzung Verhaerens unv anderer Autoren sranzösi cher Sprache, der zweite durch die vorbildliche Uebertragungs- und Werbe arbeit für Bernard Shaw bekannt geworden ist. Er stellt weiterhin fest, daß auch andere bedeutende Uebersetzer jüdischer Herkunft für die Einführung fremdsprachlicher Literatur wesentlich geworden sind. Er kommt dann in einem zweiten Teil darauf zu sprechen, daß die Lehrstühle der Germanistik an den deutschen Hochschulen, die allein für die Ausbildung der Literatur- Unterricht erteilenden Lehrer verantwortlich und maßgebend sind, keinen jüdischen Professor ausweifen, daß also die Kontrollstelle der offrziellen deutschen Literaturwissenschaft kein jüdisches Mitglied hat. Die wenigen jüdischen Privat-