Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 14 (16.10.1927)
- Date
- 1927-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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— 420 — kein Geld besitzen. Ihre Kinder und Enkel sind bereits ausgesprochene Antisemiten und überbieten sich geradezu in den Aeußerungen judenfeindlicher Gehässigkeit. Tie Judenheit hat also einen Zweifrontenkamvs aufzunehmen,. um der Atomisierung von unten und von oben entgegenzuarbeiten. Vom Erfolge dieses Kampfes ist die Zukunft, ja, das Fortbestehen der euroväischen Judenheit abhängig. Ein Mittel gegen die Verstädterung der Juden gibt es allerdings nicht. Dagegen gilt es, die zentrifugale Bewegung der proletarisierten Teile der Judenheit zu hemmen und die sich lockernden Bestandteile mit einem lebendigen Zusammengehörigkeitsbcwußtsein zu erfüllen. Bereits die Schule muß sich dieser hinausslrebenden Teile besonders annehmen; es gilt sie in den Jugendverbänden zu sammeln,-um ihnen immer neues SolidarirätSgefühl zu vermitteln; die soziale Fürsorge muß sich gerade ihnen in gesteigertem Maße widmen, um in ihnen die Ucherzeugung zu steigern: wir gehören zu euch und ihr zu uns. Man lade sie zu geselligen Veranstaltungen ein, um ihnen die Zugehörigkeit zur Gesamtheit zum Bewußtsein zu bringen. Soweit es angeht, soll für diese auseinanderstrebenden Teile der Judenheit eine kulturelle Fürsorge einsetzen, die das geschichtliche Selbstgefühl, das Bewußtsein des re igiösen Eigenwertes, die Erkenntnis der sittlichen und geschichtlichen Pflichten gegenüber der jüdischen Gesamtheit in ihnen wecken soll. Man versorge diese gefährdeten Juden mit Lesestoff, der religiös ausklärend und jüdisch anregend wirken kann. Man cecanstalte Vorträge und Kurse, die in ihnen den Stolz xkuf>die Zugchörigkeit zum Judentum verstärken und zu vertiefen imstande sind. Man verhehle sich aber niemals die Schwere des Problems und die Verantwortlichkeit im Ringen um diese Juden. Roch schwieriger ist daS Problem der Erhaltung der sozialen Emporkömmlinge in der Judenheit, weil der Zugang zu diesen Krei'en dem bewußten Juden dadurch erschwert ist, daß sie alle- Jüdische instinktiv von sich abwehren. Auch hier muß die Schule versuchen, die Freude am Judentum und den Stolz auf die jüdischen Eigenwerte anzuregen. Eine Einreihung dieser Teile in die jüdischen Jugendoereine ist allerdings ebensowenig wie ihre Mitarbeit in jüdischen Verbänden zu erhoffen. Hier muß der Einzelne den Versuch wagen, unter ^Ausnutzung seiner gesellschaftlichen Beziehungen das Abgleiten dieser Gefährdeten auszuhalten. Es ist notwendig, den Aelteren in diesen Kreisen klarzumächen, daß sie in ihren Kindern Asemiten erziehen wollen, in Wirklichkeit aber Antisemiten großziehen. Man scheue sich nicht, sie offenherzig auf die Jmmoralität ihres Gebahrens hinzuweisen. Man erinnere sic daran, daß sie aus altehrwürdigen jüdischen Familienhäusern stammen, sodaß ihre Handlungsweise pietätlos das herabwürdigt, was ihren Vätern und Müttern noch heilig und unantastbar gewesen. Auch hier kann die Vermitüung des wertvollen apologetischen Lesestoffes über das Judentum — es handelt sich ja tatsächlich um Judenfeinde oder mindestens um solch«, die alleH Jüdische von vornherein als minderwertig ablehnen — eine Wendung zum Besseren icorbereiten. Unsere Abwehrorganisationen gchen bisher an diesen Sprungbrettjuden, die auf den Augenblick lauern, in dem sie sich, ohne besonders aufzufallen, ganz aus der Judenheit lösen können, gleichgültig vorüber. Sie sind aber für unfern Rechtskampf nicht weniger gefährlich als die Parteiantisemtten, weil sie als Juden den Judenfeinden schmeicheln, ihnen ihre Gefolgschaft anbieten, bis sie oder ihre Kinder sich offen vom Judentum trennen. Man hat diese angeblich „Indifferenten" zu lange als quantitö negligable betrachtet. Tatsächlich sind sie aber gar nicht indifferent, gar nicht parteilos und noch weniger unparteiisch, sondern ergreifen deutlich gegen das Judentum Partei. Sie sind als innere Feinde des Judentums gefährlicher als die äußeren Feinde, sodaß es ernstlich an der Zeit ist, daß der Kampf gegen den jüdischen Antisemitismus nicht nur wie bisher mit billigen Scherzworten, sondern in tatkräftiger Abwehr ausgenommen wird. Für die Erhaltung der von unten und oben losstrebenden Teile der Judenheit gilt das talmudische Losungswort: „Wer nur eine Seele bei Israel erhält, rettet ihm eine Welt jüdischen Geistes und jüdischer Zukunft." Ihre Erhaltung ist geradezu als eine Lebensnotwendigkeit für die Judenheit zu bezeichnen. Ohne sie erscheint der Fortbestand der Judenheit ernsllich gefährdet! An die Freunde der hebräischen Literatur. Bon Rabbiner Dr. Schlesinger, Buchau «. F. Die hebräische Sprache ersteht zu neuem Leben. Vor allem in Erez Israel, vereinzelt auch in der Diaspora. Die Zahl der Hebräisch Sprechenden, noch mehr der Hebräisch Verstehenden, wächst weiter dank der hebräischen Schulen Palästinas mit ihren zur Zeit 19030 Zöglingen und dank den hebräischen Schulen und Sprachkursen in anderen Ländern. Alle Schwierigkeiten, besonders finanzieller Art, unter denen heute das hebräische Schulwerk wie das literarische hebräische Schaffen leidet, vermögen diese Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. War es bisher unmöglich, das geschichtliche Judentum ohne Kenntnis der hebräischen Quellen richtig zu erfassen, so wird jetzt auch das Verständnis des modernen Judentums, zumindest des modernen jüdischen Geisteslebens, und die persönliche Teilnahme daran ohne Kenntnis des Hebräischen