Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 14 (16.10.1927)
- Date
- 1927-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
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GemeindeZettung für die LsraelitLschen Gemeinden Württembergs ti ingipxlf: ttafmttteUdi StfkUgtiO NUtL 4 Kddwomk «tajcbunanu to Retdjepfnratg Po(tn«k-Koalo, Ml 5$ «tfMtbd ■oboUMi jaMtauri mm 1». ]♦. Verlag: Israelitische verlagraastall S. m. d. h. fmlpwii« S.-st. tut* (box |Bx OnlapiMi.) Schrtftlettuug; Stadtraddluer vr. titeger, Stuttgart «pntotteMhaM 13. Mt ttafpattlgt TtonptiKtUtptUt «der Oata Roma 80 R«t<0*pf«naig faiBffltBnmttata an* Mttat Bajttgta Mt KltinjKUt 10 Rtidiapftnalg Rottmar 1.30 Rtldiaamtk M IDteOtTBttaRgct! Dtrgftxfttgixag IV. Jahrgang Stuttgart, 16. Oktober Nr. 14 Ist der Fortbestand der Judenheit gefährdet? Die Tatsache der Erhaltung der Judenheit, die weder durch eine politische Organisation noch durch eine kirchliche Verfassung zusammengehalten wird, ist allein durch die Kraft ihrer traditionellen Bindung an das angestammte Bekenntnis zu erklären. Wo diese konfessionelle Bindung gelokkert ist, beginnt der Loslösungsprozeß aus der Judenheit. Ein vechältnismäßig großer Teil der Juden bleibt dem Gesetze der gedankenlosem Beharrung folgend, ohne innere Bindung mit dem Judentum zu verspüren, im Verbände der Judenheit. Dieser Bruchteil be'itzt aber nur eine geminderte Widerstandskraft gegen äußere Einflüsse. Er löst sich ohne Gewissensbedenkea, sobald sich ein scheinbar oft gleichgültiger Anlaß dazu bietet, aus dem angestammten Bekenntnis. Eine kleine Erhöhung der Steuern oder eine geringfügige Verärgerung genügen, um diese gedankenlos Mit? wandernden zum Austritt aus dem Verbände der Judenheit zu veranlassen. Gleichzeitig aber ist die Judenheit einem doppelten Abbröckelungsprozeß preisgegeben: der Loslösung seiner proletarisierten Teile und dem Abfall der wirtschaftlichen Emporkömmlinge. Die Verstädterung der Juden schreitet unaufhaltsam vorwärts. In Deutschland wohnt bereits ein Drittel sämtlicher Juden in Berlin, ein zweites Drittel in den anderen deutschen Großstädten. Diese Verstädterung ist ein bevölkerungspolitischer Vorgang, der als unabweisbare Tatsache betrachtet werden muß. Geht die Abwanderung der Juden in die Großstädte so weiter — und das ist unbczweiselbar der Fall — so ist der Zeitpunkt nicht allzusern, in dem die europäische Judenheit ganz verstädtert ist. Bisher gehörte si: ihrem wirtschaftlichen Ausbau nach zur bürgerlichen und kleinbürgerlichen Bevölkerung. Je mehr sie verstädtert, um so näher kommt si« der Proletarisierung. Diese Proletarisierung ist bereits in den großen Judengemernden des Ostens, vor allem in Warschau, Lodz und Kiew, in London, Amsterdam, Budapest und Newyork ringetreten. Sie brbedeutet nicht etwa nur einen Rückgang in der Lebensführung, sondern auch einen Niedergang der Sitten und des Gedankenlebens, eine Lockerung der Religions- und Moralbegriffe. Die Anfänge dieses Rückganges von einer gesunden Bodenständigkeit und einer gefestigten Bürgerlichkeit zu einer beklagenswerten Wurzel- und Glaubenslosigkeit zeigen sich in allen Großstadtgemeinden. Die Zahl der Mischehen in den Kreisen der jüdischen Arbeiter und Angestellten wächst unaufhaltsam. Die Kinder strenggläubiger Eltern gehen, ohne alle Gewissenshemmung diese Ehen ein. Wenn auch ein Bruchteil der Kinder aus diesen Mischehen dem Judentum zugeführt wird, so wirkt doch die Umgebung, in der sie aufwachsen und die Gleichgültigkiit chrer Familien gegenüber den religiösen Forderungen des Judentums so stark auf sie ein; daß sie schließlich jeden Zusammenhang mit ihrer religiösen Gemeinschaft verlieren. Ebenso tradittonslos oder, richttger gesagt, traditionsfeindlich zeigt sich die große Zahl der wirtschafttichen Emporkömmlinge. Sie haben das erklärliche Bestreben, sich möglichst schnell aus dem Zusammenhang ihrer bisherigen Lage zu lösen. Ihre Losung heißt, das Gewesene möglichst bald vergessen und sich aus den Kreisen freimachen, die sie in ihrer früheren Lage gekannt haben. Zu diesen Bindungen, die tunlichst schnell zerrissen werden müssen, gehört erfahrungsgemäß der Zusammenhang mit dem angestammten Bekenntnis. So erklärt es sich, daß der wirtschaftliche Ausstieg breiter Kreise der Judenheit spätestens von der zweiten Generation an die beginnende Lockerung aus der Judenheit bedeutet, falls, nicht sehr starke sittliche und religiöse Hemmungen vorhanden sind. Aus der Schicht der wirtschafttich Emporgekommenen entstammen die jüdischen Anttsemiten, die alles Jüdische boykottieren, welche die Anstellung eines Juden in ihren Betrieben weit Von sich weisen, die in der Ablehnung des Jüdischen sogar so weit gehen, daß sie für jüdische Zwecke und jüdische Not angeblich