Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 13 (1.10.1927)
- Date
- 1927-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
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Sie wollte» a» einem Eharsreitag, an dem die ganze 'Bürgerschaft nach Dehvang wegen Umbau der eigenen. Kirche gehen mußte, die Stadt überrumpeln, die Stadttore besetzen, alle Zurückbleibenden niedermachen, die Heimkehrenden überfallen und die Stadt in ihren Besitz bringen. Derselbe Schäfer hätte den Plan entdeckt, der in einer geheimen großen Versammlung der vornchmften Juden und Rabbiner der Stadt ausgesonnen worden sei. So sei die Stadt gerettet worden und als Strafe wären die Juden massakriert, verjagt und ins Gefängnis geworfen worden." Wozu die breite Ausführlichkeit von eineinhalb Seiten? Wohl, uu^^en Eindruck gründlicher Geschichtsforschung zu machen? Ich fiirchte, daß das leitende Motiv moderne anttsemittsche Brunnenvergiftung ist, welche die wunderbare Errettung der Stadt als göttliche Sühne für jüdische Verbrechen feiert! Solche Brunnenvergiftung sollte sn der kommenden Auflage unbedingt ausgemerzt sein, denn aus dem . Führer" wird sonst ein „Verführer", das Wasser des .Lierterichbronnens" wird ein „Wasser der Versuchung"! Hier zeigt sich die gebieterische Notwendigkeit einer gründlichen quellenmäßigen Geschichtsforschung! AUS DER SCHULE Von Rdl|ioaileIirer Adelihelmcr-$liitt|«rt( In der letzten Zeit hatte ich eine Besprechung mit einem Schuldirektor, wobei die Rede auch auf den Religionsunterricht kam. Wir sprachen von den äußeren Hemmnissen bei diesem Unterricht, besonders wo es sich um die Erlernung und Uebung des Hebräischen handelt. Ta machte der betreffende Schulvorstand eine Bemerkung, die mir zu denken gab, und die ich unserer jüdischen Oeffentlichkeit nicht vorenthalten möchte. Er führte ungefähr folgendes aus: „Schon innere Gründe müßten die Schüler veranlassen, es mit chren Pflichten hier ernst zu nehmen, nicht bloß bei allem Lernen nach der äußeren, nüchternen Zweckmäßigkeit des Nutzens auszuschauen, so wie man etwa das Französische und Englisch« lernt, weil es einmal vielleicht im Leben nützlich sein kann. Tann aber erscheint mir, fuhr er fort, die Laxheit jüdischer Schüler gerade heutzutage besonders unverständlich, wo doch die Zeiwerhältnisse so gar nicht darnach angetan sind, den Juden einzuschläfern. Alles sammelt sich, ist in Lager getrennt, in weltanschaulicher wie in rassischer Beziehung. Ta müßte doch der jüdische Schüler fühlen, daß auch er ein Eigener ist, daß auch er zu den Seinen, innerlich gehören muß. Das müßte ihn allein schon verlassen, auch die Pflichten, die ihm in der jüdischen Gemeinschaft und nicht zum wenigsten in seinem religiösen Unterricht erwachsen, ernst und gewissenhaft als «ine Selbstverständlichkeit zu erfüllen." Diese Bemerkung des Schulvorstandes hat mich recht nachdenklich gestimmt und veranlaßt mich, einmal etwas zu tun, was man im allgemeinen ja nicht tun soll, nämlich ein wenig aus der Schule zu plaudern. Die Religionsftunde fällt auf einen Nachmittag. Aber heute ist ja „Lottchens Geburtstag". Da darf natürlich die Ruth und die Suse auch nicht fchlen. So erscheint eben unsere kleine Puppenfee heute nicht in der Schule und überreicht dafür in der nächsten Religionsstunde dem Lehrer mit strahlenden Blicken ein Kärtchen von Mama; und da erfahren wir mit Genugtuung, daß sich unsere kleine Suse an diesem Nachmittag wenigstens gut amüsiert hat. Ein Mißstand bei der Reichsbahn scheint auch auf den Religionsunterricht hemmend einzuwirken. Tenn die Fernschneflzüge, die einem „Onkel aus Amerika" nur für ein bis zwei Stunden in Stuttgart Aufenthalt ermöglichen, treffen merkwürdigerweise meist nur um die Zeit ein, in welcher der Religionsunterricht staltfindet. Ueberhaupt, der jüdische Familiensinn, der uns gottlob noch verblieben ist, in allen Ehren, aber es ist dem Religionslehrer doch nicht recht verständlich, daß der kleine Hans den Religionst unterricht versäumen muß, damtt er nicht beim Familienkaffee fehle, wenn gerade Besuch gekommen ist. Aber auch die eigenartigen Witterungsverhältnisse in unserem Stuttgarter Talkessel scheinen chre besondere Tücke gerade gegen den Religionsunterricht zu richten. Denn merkwürdigerweise ist die Luft besonders am Nachmittag, an dem der Religionsunterricht stattfindet, ungesund und veranlaßt Schnupfen, Zahnschmerzen, Kopstveh und Schwindel. Es mag uns nur der Umstand beruhigW, daß diese kleinen B«- schwerden schnell wieder vorübergehen und ihre Spuren bis zum nächsten Morgen geschwunden sind Tie Bücherschränke unserer Jugend sind meistens erstaunlich gut ausgestattet. Ich habe oft meine Freude daran, daß unsere Jungens und Mädels wertvolle und teure Bücher zum Geburtstag, zur Barmizwoh oder zur Konfirmation erhalten, von den Klassikern an bis zu den modernsten literarischen Erzeugnissen der Gegenwart. Aber leider fehlt darunter meist unser bestes Buch, die Bibel, und wenn wir sie oder ein anderes jüdisches Lehrbuch einmal anschaffen müssen, dann muß unser Elschen gerade so viele Bücher sonst für die Schule anschaffen, und es