Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 9 (1.8.1927)
- Date
- 1927-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
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abjMrtartm. Dir Anordnung einer solch frühen Beerdigung könne ofcei auf die gemäßigteren Zonen in Europa nicht ohne weiteres übertragen werben. Zu Ziffer 2. Die Berufung auf den angeblichen Ausspruch des großen Arztes und Rabbiners Maimonides,. daß man dir Toten nicht ansvewahren solle, beweise ohnehin nichts; er könne aber von den Israeliten nicht einmal geschichtlich erwiesen werden. Zu Ziffer 3. Nachdem die meisten Rabbiner selbst darauf angetrqgen hatten, .daß künftighin ihre Toten nicht früher als nach 24 Stunden und nicht ohne ein von einem Arzt über den wirklich erfolgten Tod ausgestelltes Zeugnis begraben werden sollten, waren die zuständigen Medizinal- und Regierungsbehörden dem Ziele um vieles näher gerückt. Zu Ziff. 4. Die von der Trauerzeit abgeleiteten Gründe zu einem frühen Begraben konnten nicht beachtet werden. War sie nachteilig, sollte sic abgeändert werden. Sie beruhte auf keinen wahren Religionsgesetzen, wie die Israeliten selbst gestanden, sondern bloß auf rabbinischen Erklärungen und aus dem Herkommen. Selbst die Rabbiner können solche Gesetze ändern. Alle» dies kann die Obrigkeit den Israeliten so gut als den Christen vorschreiben, sowie sich die Israeliten auch einer vom Staate «ingeführten Totenschau unterwerfen müssen. Es kann aber den Israeliten fernerhin überlasse» werden, Leich enfäuser zu errichten, die Leichen nach ihrer Art zu behandeln (mit warmem Wasser zu waschen und mit erwärmten Tüchern abzureibcn). Das Ende des Hochschulrings. Ter einsetzende Zerfall des Hochschulringes ivird niemand überraschen. Es handelt sich nur um eine notwendige Teilerscheinung des Zer falls der ganzen mit Unrecht national genannten Bewegung. Ter Hochschulring sammelte einst die sttldentischen Kreise, die nicht begriffen, daß nach der militärischen Katastrophe der Weg des Auf stiegs durch Verständigung und Erfüllung hin durch führen mußte, die sich lieber an die billigen Phrasen hielten und die schwer kämpfenden Staatsmänner und die neue Staatsform im Voll gefühl ihrer Verantwortungslosigkeit verachteten. Ihre übrigen „völkischen" und jung konservativen Forderungen waren nie ernst zu nchmen; sie wurden angeboren und von der Menge der Kor porationsftudenten kritiklos ausgenommen. Heutes weiß das deutsche Volk, worum es > sich^ handelt. Die Abrechnung mit den Gegnern der Befneiungs Politik stcht vor der Tür. In diestr Lage haben sich die Deutschnationalen um den Preis ihrer Selbstachtung in die Regierung hineingedrängt, um sich machtmäßig festzusetzen, nachdem chre Opposition durchschaut und hinfillig geworden ist. Was sollte der Hochschulring tun, da alles wankte? Seine Führerschaft versuchte es durch scheinbare Grundsatztreue: erließ zunächst beim (Eintritt der Deutschnationalen in die Regierung «in Rundschreiben an chre Vertrauensleute und OrtSverbände mit einer neuen Parole gegen diesen Staat. Schon das erregte böse Blut in der „AnhLnger- 'fchaft". Die letzte Sitzung des FühterauLschusjes des Hochschulrings, die an der Ablchntlng des liberalen Gedankens und an der volkskonservativen Idee festzuhalten beschloß, hat schließlich einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen. Die Führer des Hochschulrings erscheinen mit chrer ein Einlenken in später' Stunde' verschmähenden Haltung zunächst nicht unsympathisch. Aber sie spüren ja auch nicht mchr den alten Wind in den Segeln, nachdem auch die heutige Regierung nichts tun kann, als di« Rathenau- Politik fortzusetzen, und schämen sich nur, den ideologischen Ueberbau fallen zu lassen. Ihre Geg ner, die Rebellen im Hochschulring, dagegen wollen einlenken, um zu halten, was zu halten ist. Es ist eine stickige, unllare und unehrliche Atmosphäre. Zunächst sind die örtlichen Hochschulringe Freiburg und Bonn aus dem Gesamt verband ausgetreten und haben mit einigen allgemeinen „nationalen" Phrasen eine „Großdeut sche Studentengemeinschast Freiburg" bezw. eine „Deutsche Arbeitsgemeinschaft Bonn" gegründet. Der Hochschulring Göttingen wendet sich in einer scharfen und einstimmigen Entschließung gegen die schroffe Kampffiellung gegen den Liberalismus und erwartet Umkchr von dem Vertretertag des Hochschulrings, der erst auf den 27. bis 31. Ok tober nach Jena einberufen ist. Die Burschenschaft hat schon vor einiger Zeit in einer Polemik gegen K. A. Junge zu verstehen gegeben, daß sich in ihr auch Republikaner vorfänden und daß sic selbst besser sei als ihr Ruf. Zu Pfingsten haben ihre Ausschüsse in Eisenach hie einseitige Festlegung des Hochschulringes abgelehnt, „ohne daß dabei einer anderen einseitigen Richtung das Wort geredet werden soll". Sie bekennt sich also vorerst zur Neutralität und legt den Burschenschaftern nahe, aus dem Arbeitsausschuß des Hochschulrings auszutreten. Wer sich erinnert, wie es in den Blütezeiten jenes seltsamen kindlichen Nationalismus in der Burschenschaft aussich, der wird diese Wandlung zu würdigen wissen. Aber was ist mit all dem erreicht? Man ist nun weder Anhänger noch Gegner des neuen Stiaates, sondern sperrt sich aus alten, halb überwundenen Hemmungen gegen das, was ge tan werden muß, ohne sagen zu können, warum. Man ist Hemmschuh und ohne Energie. Der akademisch-völkische Gesamtverband ist verbraucht. Es wird Sache der bisherigen 'Mitglieder sein, sich chrlich neu zu entscheiden. Das Ende des völkischen Hochschulringes darf als Zukunstshoffnung verbucht werden. (Frankfurter Zeitung.)