Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 6 (16.6.1927)
- Date
- 1927-06-16
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- [Seite] (sequence 1)
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Gemeindezeltung für die israelitischen Gemeinden Württembergs » I «taj*iamnia«i to Ttaichspfeimt, > Mt 5* •iWNIul »»»»Mch Milmal aai 1. n. I«. Israelitische Verlagsanstalt S m. b. Q, feralpitdKt S -st. IS3I» (mit sttt Dctlaf«atttf.) Schrlftlellaag; Stadtroddtner vr, Kteger, Stuttgart Clintotlatnti TS. M< «tsfpattig« noapatttUcstU« obtt btttw Kamt SO Rrtdiaptcantg famUknansrtgra und kfc&x paj«tg«a btt Kkäjrtlt to Kctdispfamtf TMdant 1 JO N«Ich»m»t» M IPHO.iOotang€a vttsSaftisuM, IV. Jahrgang Stuttgart, 16. funi nt. 6 Amtliche Bekanntmachungen. Jsn»ekitisth«s B»rsteh«ramt Ulm. Am Sonntag, den 19. ds. Mts., vorm. 11 Uhr, findet in der Synagoge ein Konzert de» Synagogenchors statt, wozu alle Mitglieder der israel- Gemeinde herzlichst eingeladen sind. Jsr. Borsteheramt Ulm: Ter Dirigent: Gump. A. Kern. Ideen und Ädeale der jüdischen Wohlfahrtspflege. Bortrag, gehalten im Rahmen der Aus» stellnng der Liga für freie Wohlfahrtspflege von Stadtrabbiner Dr. Rieger. I. Für die Wertung der Nächstenliebe im Lehr» gebäude des Judentums gibt es wohl kein bezeichnenderes Wort als die Losung des Simeon des Gerechten (200 v. Chr.): Auf drei Säulen ruht die Welt: auf Religion, auf Arbeit und auf Nächitenliebe (Sprüche der Väter l, 2). Tas Ju dentum darf den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, die Nächstenliebe in das System seiner Kultur eingeführt zu haben. Die Welt der Antike kannte den Menschen und sein Leid —i das Juden tum entdeckte den Mitmenschen und das Mitleid oder mit dem Mitmenschen das Mitleid. Dieser Mitmensch war kein Fremder — er war der Nächste, der Bruder. Waren doch alle Menschen Brüder, aus der Schöpferhand Gottes hervorgegangen, gleichsam Kinder eines Vaters, Brüder eines Stammes. Diese Auffassung erklärt die talmudische Antwort aus die Frage nach dem höchsten jüdischen Gebot. Rabbi Akiba meinte, das höchste Gebot ist die Forderung „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (oder nach dem hebräischen Texte richtiger: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du" (3. Mose 19,18). Nein, sagte Rabbi Simeon den Asai: Höher noch steht die Mahnung, die aus dem Bibelsatz hervorgeht „Dies ist das Buch der Geschähe des Menschen (1. Mose fj, 1), mit dem die Geschichte der neuen Mensch heit nach der Sintflut anhebt. Und was ist der Sinn dieser Menschheit? Er ist dem Abraham in dem Satze geboten worden „Du sollst ein Segen sein und mit dir sollen sich alle Geschlechter der Erde segnen" (1. Mose 12, 2). Mehre die Summe der Liebe auf Erden durch deine Liebe, lebe zum Segen des Mitmen sehen, dann hast du den Zweck dieses Daseins erfüllt. Diese Liebe ist aber nicht flüchtige Rührung, nicht romantische Leidenschaftlichkeit, sondern Nachahmung Gottes. Du beweist die Göttlichkeit deines Menschentums durch Liebe, die in ihrer Selbstlosigkeit und Opserwilligkeit ein Abglanz der Gottesliebe ist. Darum bete der Jude zweimal täglich, morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Einschlafen, das Gebot „Liebe den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, deiner ganzen Seele und deinem ganzen Ver mögen" (5. Mose 6, 5). Solche Liebe ist Fröm migkeit. Darum erklärt der Talmud dieses Gebot: Lebe so, daß Gott um deinetwillen geliebt wird. Die Liebe ist also nicht Tugend, nicht Lobes nnd Lohnes wert, sie ist Ausfluß der Gottes natur des-.Menschen, sie ist schöpferische Gottes kraft, ein Lebenselement in der Oekonomie^des Weltalls. Der Mensch steht im Naturgeschehen. Sein Schicksal ist also als Auswirkung des Gottes wftlens an sich gerecht. Zum Ausgkich der Härten des Schicksals schuf Gott im Menschen das Mitleid. Alle Nächstenliebe ist Sehnsucht, diesen Ausgleich zu schaffen, ist nach dem Bibelwort Zedaka ausgleichende Gerechtigkeit. Der Bissen Brot mundet mir nicht, wenn ich weiß, daß der Mitmensch hungert; meine Freude verstummt, sobald ich das Leid des Mitmenschen in mir erlebe, also mitleide — und das Begehren zu helfen, das Grundmotiv aller Nächstenliebe, wird in mir lebendig. So ruht die sittlich« Weltordnung auf drei Säulen: auf Religion, auf Arbeit und auf Näch stenliebe. II. Die Bibel stellt deshalb die Nächstenliebe nicht in den freien Willen, sie überläßt sie nicht dem Wohlwollen des Menschen, sondern sie fordert sie