Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 2 (16.4.1927)
- Date
- 1927-04-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4904101-5441811-5442958--1066-4905081- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gemetndezettung für die LsraelitLschen Gemeinden Württembergs 9« «totolKtUd) 9<(I*Ug«IO KUnL 4 Rtldttmnilc «tnstlnuinmtt to Tttldtapfcaiitg PoWtt)«*-KoiUo ■ 5*15* ■onatttdi Miilnml tun l.n. J*. vertag: Israelitisch« vertag« anstatt S. m. d. ty. feratpTtdjtT 0.-|L t»tt (not fttt OhI^mUi.) Schrtftlettaag, Stadtraddiaer vr. irieger, Stuttgart CMtiott<nftm0t IS. flnjctgtapicloi Mt ttMpcUtBt HonpnwUkstUt 06*1 t«n Ranm SO KtMiopfnoig ftmrtHtmmselotm nnO kittet ftesttet* Mt KktejtUt SO Rtidttpftnnig Rtkltunt 1.50 Reldianmxk 9*1 IDitOcriioiixBgtB OtrgflnlhgnnB IV. Jatprgang Stuttgart. 16. fiprtt \92? Nr. 2 DER SEDER Kein Fest ist so sehr der Ausdruck des Familiensinnes im Judentum wie die Familienfeier des Seder. Seit Jahrtausenden wird sie in der gleichen Form begangen. Noch feiert eine verhältnismäßig große Zahl unserer Familien diese beiden Abend«, deren Eigenart noch immer ihren Zauber auf Israel auswirkt. Wie an jedem Sabbath- und Feiertage beginnt die häusliche Feier mit dem Kiddusch, dem Weihesegen des Festtages. Während aber sonst der Hausherr allein den Kelch mit dem Segenswein erhebt, um den heiligen Tag betend zu begrüßen, heben an diesen Abenden alle Tischgenossen, auch die Frauen, den Kelch, da das Peßach ,Hie Zeit unserer Erlösung," für ganz, Israel den Anbeginn seiner Geschichte bleutet. Die Beiher werden geleert, nur der Pokal in der Mitte der Tafel vor einem mit Kissen bedeckten Stuhle bleibt unberührt. Er ist für den Propheten Elia bestimmt, den Gott nach einer altehrwürdigen Legende als Vorboten des Messias in der Sedernacht zu Israel senden wird, um die entzweite Welt zu versöhnen, die Herzen der Väter mit den Herzen der Kinder zu einen. Unsichtbar weilt er an diesen Wenden als Gast in den jüdischen Häusern, und all« Hausgenossen empfinden die Anwesenheit des Friedensboten. Nach dem Kiddusch wird Petersilie, die mit Salzwasser benetzt wird, gereicht. Einst war es bei den Juden wie bei den Griechen und Römern im Altertum und noch heute im Süden Brauch, die Mahlzeit mit dem Genüsse frischer Kräuter zu beginnen, und, da das Peßach «in Frühlingsfest ist, so werden Petersilie am ersten Abend, Radieschen am zweiten Abend mit Dank gegen Gott genossen, der die FrüPingsgewächse reifen läßt. Bor ihrem Genüsse wäscht sich der Hausherr, der sie dem Tischgenossen reicht, die Hände. Er läßt sich aber Wasser und Handtuch an seinen Platz bringen, ganz wie es einst die vornehmen Griechen und Römer bei ihren Mahlzeiten zu tun pflegten. Auch eine andere Sitte des klassischen Altertums wird an diesen Abenden geübt, die Kataklisis, das Hinlehnen. In Hellas und Rom nahmen die Sklaven auf Stühlen oder Bänken sitzend die Mahlzeit ein. Die freien Männer lagerten sich auf Ruhebetten und genossen die Mahlzeit, den linken Ellenbogen auf das Polster gestützt. Nur wenn das Bitterkraut, das Erinnerungssymbol der Sklaverei genossen wird, geben wir diese bequeme Sitzweise auf. Zum Gedächtnis an die Opfer, die Israel zur Zett des Tempels dargebracht, liegen auf der Sederschüssel «in auf Kohlen gebratenes Stückchen Fleisch zur Erinnerung an das Peßachopfer und ein in heißer Asche geröstetes Ei als Erinnerung an das Festganzopfer. Neben beiden steht ein Gefäß mit einem aus Datteln oder Aepseln mit Wein angerührten Mus, der Eharauß, das Lehmfaibene, heißt, und scherzhaft an den Lehm erinnern soll, aus dem Israel, einst in Aegypten die Ziegel zubereitet. Er wird mit Lattich genossen, der an das Stroh erinnern soll, das die Kinder Israel in Aegypten sich in den letzten Tagen selbst zusammenstoppeln mußten. Bon den drei ungesäuerten Broten der Sederschüssel wird die Mittlere halbiert und die Hälfte zum Epikomon oder Nachbrot zum Essen nach der Mahlzeit aüsbewahrt. Die beiden anderen Brote müssen ganz bleiben, weil am Feiertage wie am Sabbathe vor jeder Mahilzett der Segen über zwei ganze Brote (Lechem Mischneh) gesprochen werden muß. Nun erhebt sich der Hausherr von seinem Platze und mit ihm die Hausfrau und beide heben die Sederschüssel und fordern nach alter Abrahamssitte alle Armen und Dürftigen auf, das Fest als ihre Gäste mitzuseiern. Jetzt werden die Becher neu gefüllt, und für unsere Jungen und. Jüngsten konrnst der mit Herzklopfen erwartete