Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 1 (1.4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
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Jsracks im <8 ei stk des historische» Judentums von großer Bedeutung ist, bedarf keiner weiteren Begründung. Schließlich fei noch die Misrachi-Bank erwähnt und daraus hingewiesen, daß auch in der Diaspora, hauptsächlich in Polen, Misrachisschulen bestehen. Man hat bisweilen dem Zionismus vorgeworfen, er beraube das Judentum seines religiösen Charakters. Dem „Zionistischen Sonderverband Misrachi" gegenüber, der vor 25 Jahren von einer Anzahl hervorragender Rabbiner — darunter der Frankfurter Rabbiner Dr. Nobel — gegründet wurde, ist dieser Borwurf eine Lächerlichkeit. Es mag Gründe geben, den Zionismus abzulehnen, aber eine Ablehnung aus religiösen Gründen ist angesichts der Existenz und Tätigkeit des Misrachi haltlos. Hoffentlich bewirkt die Jubiläumsfeier auch in Deutsehland eine Verstärkung seiner Reihen und eine materielle Förderung seiner Einrichtungen und Unternehmungen. Ein Aufruf seiner „Weltzentrale" schließt mit den Worten, denen auch wir Beherzigung wünschen: „Wer für Gott, für das Volk und das Land ist, beteiligt sich an unserem Fest und helfe uns in unserer Ackert." Die Psychotherapie im Dienste des Rabbiners. Bon Bez.-Rabbiner Dr. Beermann-Heilbronn. Die praktische Theologie des Judentums ist Neuland. Kann man doch immer noch gerade in gut jüdischen Kreisen eine gewisse Abneigung gegen die Verbindung des Begriffs Seelsorge mit dem Rabbinerberufe wahrnehmen. Ms ob nicht das Hirtenamt eine gemeinjüdische Idee (vgl. Ezechiü 33) ist und' mannigfache Stellen des rabbinischen Schrifttums die Verantwortung des Führers für die ihm anvertraute Schaar ganz im Sinne jener suchenden Liebe feiert, die Ezechiel prckigt, den man den Vater des Rabbinertutns genannt hat. Wenn heute der Arzt mehr und mehr zum Erzieher und Sellenführer seiner Nervenkranken wird und sie zum guten Teil als Seelenkranke behandelt, dann soll der Geistliche nicht übersehen, daß seine Seelsorgearbeit nicht nur dem Heile,, sondern auch der Heilung siecher und wunder Seelen diene. Er muß den Arzt verständnisvoll zu ergänzen suchen dadurch, daß er dem Angefochtenen ein Lebensziel zeigt und e'ne neue Lebensaufgabe gibt, die geeignet! ist, der schwachen Seele Halt und Haltung zu verleihen. * * * Zwischen ausgesprochener Geisteskrankheit vünd völliger seelischer Gesundheit gibt es ein großes Zwischengebiet. Es wird gut sein, daß der Seysorger sich durch einschlägige Schriften' üdök psychopathischen Minderwertigkeiten belehrt; dabei bedenke er aber, daß das Entscheidende seiner Wirksamkeit der Will« und! die Gesinnung in ihm ist, die gewaltig« Lickesmacht einer reinen starken Seele, die sich verständnisvoll hernirderneigt zum leidvollen Gemüte, um ihm Erhcknng und Erleuchtung zu bringen. ,Oesers schönes und schlichtes Wort ist da zu beherzigen: „Suche die Geheimnisse des Gemütes nicht wie ein Naturforscher zu ergrürwen, sondern wie rin Liebender." Jene tragende Moses-Geduld ist da vonnöten — kaascher jissa et hajonek —, di« mit Hirtentreue den Verirrten umhegt. Wo das Krankhafte anfängt, ist schwer zu sagen. Die Grenze verschwimmt. Die Unzulänglichen entstammen oft durch Alkoholmißbrauch, Geschlechtskrankheiten und Irrsinn entarteten Familien. Man muß also das Milieu und das Haus seiner Seeelsorgepfleglinge kennen lernen, um eine richtig« Einschätzung von auffallenden Sonderbarkeiten vornehmen zu können. Den Psychosthenischen oder Seelenschwachen, bei denen seltsame schiefe Urteile neben kindlicher Auffassung der Dinge, merklicher Willensschwäche »nb flachen Gefühl erscheinen, die zuweilen den Eindruck Stumpffinniger, dann wieder den zielloser und zerfahrener Menschen machen, die sich schwer in Zucht und Ordnung fügen, stehen di« mäßig geistesschwachen, dtbilen Elemente nahe, die im Beruft noch leidlich ftistungsfähig sind, im Leben aber versagen, jeder üblen Beeinflussung sich erschließen, der Verführung zum Opfer fallen und unstet und haltlos ein Spielball eigener Launen und ftemder Willkür werden. Förster hat Recht, daß das Wesen aller wahren Erziehung darin besteht, die Einzelpersönlichkeit mit ihrer Eigenart so zu bearbeiten, daß sie sich in die allgemeingültige, sittliche Weltordnung hineinbaut. Das ist vor allen denen gegenüber am Platze, di« pathologisch irgendwie gehemmt oder gefährdet sind. Ihr leidenschaftliches und ichsüchtiges Weftn bedarf in erhöhtem Maße eines Gegengewichtes durch lebhafte Eindrücke von der Majestät objektiv geltender Gesetze. Eine feste Lebensordnung mit fühlbarem ethischen Hintergründe ist für den zerfahrenen und zerrissenen Menschen ein nicht zu unterschätzender Heilfaktor. So wird der Rabbiner die Befolgung des Religionsgesetzes mit seinen strengen Reglln in den Dienst der Psychotherapie stellen. Er wird sich vor allem mühen, die rechte Selbstachtung zu wecken. Das religiöse Motiv von dem unendlichen! Wert jeder Menschenseele vor Gott muß zur vollen Wirksamkeit gebracht werden. Er muß einem solchen Schwachen geflissentlich Achtung und Vertrauen «ntgegenbringen und auch die Umgebung und den Verkehr in diesem Änne belehren. Er muß an die irgendwie wertvollen Jnteresftn die vorhanden sind, anknüpftn, etwa Neigung zur Musik, Sammeleifer, Freundlichkeit