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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-04-01 · 1 (1.4.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
1 (1.4.1927)
Date
1927-04-01
Page
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I.'P J1 1 i' «p|jp ein Teil des großen Freiheitskampfes, dem er sein Lüben gewidmet hatten Er empfand fo deutsch, daß es ihm unerträglich war, haß deutsche Juden in der Alliance israölite universelle im Schlepptau der französischen Politik französische Interessen im Orient förderten, wie es ihm unvereinbar mit seinem Deutschempfinden war, daß sich der Zionismus in den Dienst des englischen Imperialismus gestellt hatte. Die Begründung des Hilfsvereins der deutschen Juden und die Schaffung des deutschen Schulwerks im Orient ist aus dieser \ seiner politischen Einstellung zum Deutschtum heraus zu erklären, bis sie ihm eine innerliche Angelegenheit geworden. Im Kampf gegen den Judenhaß und in der Fürsorge für die verfolgten Glaubensgenossen war ihm Verständnis für die inneren Zusammenhänge der jüdischen Angelegenheiten erwachsen. Seine ersten Abwehrschriften, das 1892 erschienene Büch über den Ritualmordprozeß von Tisza- Eszlär „Ein antisemitisches Kulturbild", seine Schrift „Xanten-Eleve, Betrachtungen zum Prozeß Buschoff", seine statistischen Arbeiten „Die Kriminalität der Juden in Deutschland (1898)" und „Die Juden als Soldaten (1897)" wandten sich an das Gewissen des deutschen Volkes. Blieb er stets der Ueberzeugung, daß die antisemitische Bewegung von christlicher Seite bekämpft werden müßte, so verschloß er sich doch nicht dem Löwenfeldschen Gedanken der Selbstabwehrpflicht der Juden und wurde ein tatkräftiger Mitarbeiter im neubegründeten Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. In der Abwehr der Blutlügen von Tisza-Eszlär, Xanten, Könitz und Kiew ward er zum ersten Male zum Verteidiger aller Juden. Er fühlte die Verpflichtung der Gesamtjudenheit, für die um ihres Glaubens willen leidenden Brüder einzutreten. So wurde aus dem Vertreter der Interessen der deutschen Judenheit der unermüdliche opferfreudige Anwalt der Gesamtjudenheit. Zum ersten Male griff Paul Nathan 1904 in die Schicksale der verfolgten Juden des Ostens ein. Er intervenierte damals nach dem Kischinewer Pogrom bei den russischen Ministern Witte und Plehwe. Er gehörte im Oktober 1905 zu den Delegierten, welche die durch die Judenverfolgungen in Südrußland heimgesuchten Gemeinden auffuchten. Nach den Pogromen in Bialystok und Sjckletz verhandelte er mit Stolypin in Petersburg. Ms 1907 die Lage der rumänischen Juden infolge der Agrarunruhen aufs äußerste gefährdet war, reiste er nach Bukarest, um mit dem damaligen Ministerpräsidenten Sturdtza über die Lage der aus ihren Heimatorten geflüchteten rumänischen Juden in eine bedeutsame Aussprache einzutreten. Mit Bernhard Kahn und Elkan Adler reiste er 1912 im Auftrag der Brüsseler Konferenz nach dem Balkan, um Rettungsmaßnahmen für die durch die Kriegsunruhen bedrohten Juden in den Balkanländern und besonders in Saloniki zu organisieren. Noch umfassender ward seine Tätigkeit während des Weltkrieges. Er war die Seele aller HÜfsaktionen für die notleidenden osteuropäischen Juden vor allem in den von den Deutschen besetzten Gebieten Polens und Rußlands. Seinen Anregungen ist die Schöpfung des großzügigen Hüfswerks des American Joint Distributton Eommtttee zu danken. Umfassend war seine Hilfstätigkeit für die ausländischen Juden in Deutsehland, besonders für die hier studierenden ostjüdischen Studenten, kurz, es gab in den letzten 40 Jahren keine einzige allgemeine jüdische Hilfsaktion, in der nicht Paul Nathan an erster Stelle mttgewirkt hat. Ebenso unvergänglich sind seine Bemühungen für das Schulwerk des deutschen Hilfsvereins in Palästina. Ihm verdankt neben einer größeren Zahl von Schulbetrieben das jüd. Technikum in Haifa sein Entstehen. Ein westntticher Teil der heute von den zionistischen Organisation geleiteten Schulen ist von ihm gegründet oder mindestens durch ihn angeregt worden. Bei dieser großzügigen allgemein-jüdischen Wirksamkeit hielt er unbedingt an der Zugehörigkeit der deutschen Juden zum deutschen Volke fest. Auch die herben Enttäuschungen der Bor- und Nachkriegsjahre vermochten ihn nicht in dieser Ueberzeugung zu erschüttern. Der hochgebildete Mann, der »durch seine Hilfstättgkett mit Juden aller Ander zusammengekommen war, wußte wie kein zweiter, daß es zwischen den Juden des Ostens und des Westens keinen völkischen Zusammenhang gibt, daß sich die Juden der einzelnen Länder rassig und geistig scharf scheiden, daß lediglich religiöse und Weltanschauungswerte das Gemeinsame zwischen den seelisch und somattsch so charakteristisch geschiedenen Juden bill»en. II. Bis in die letzten Monate seines Lebens beschäftigte ihn das jüdische WanderprMem. Es war ihm Üar geworden, daß die Verhältnisse im Osten für die Juden nur gebessert werden konnten, wenn es glückte, zwei bis drei Millionen Juden aus ihren derzeittgen Verhältnisses so umzupflanzen, daß sie beruflich umgeschichtet werden konnten. Darum trat er mtt letzter Kraft für das große Projekt ein, mit Hilft der Sowjetregierungen jüdische Bauernsiedlungen zu begründen. Noch vor wenigen Monaten weilte der schon Leidende in Rußland, um die dort einsetzende Siedlungsbewegung selbst kennen zu lernen. Sein letztes öffentliches Auftreten war -fein Reisebericht, den er mit Landgerichtsrat I. Stern-Berlin vor den Hauptvorstandsmügliedern des Centralvereins erstattete. Er hatte als Vertreter des Hilfsvereins der deutschen Juden an der Tagung des Ozet in Moskau teilgenommen und dabei Gelegenheit gehabt^ mtt den Behörden und Regierungen über die jüdisch-russische Siedlung zu verhandeln. Der

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