Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 17 (1.12.1926)
- Date
- 1926-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
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Judenbedrückungen und Verfolgungen währten auch nach dem Ausdämmern ber humanistischen Tageshelle noch Jahrhunderte. Und doch ist die Renaissance auch für Israel nicht ohne Bedeutung, und hervorragende Humanisten sehen wir in mehr" oder minder nahen Beziehungen zü Juden und Judentum. Gleich an der Schwelle-dieser neuen Acra grüßt uns eine ragende Tichtergestalt, die ganz und gar den Geist der Renaissance atmet, und mit einem jüdischen Sänger in ein inniges Freundschaftsverhältnis trat. Es ist Tante, die Herr liche Säule der römischen Beredsamkeit, wie ihn Petrarca in seiner bekannten poetischen Grab schrift nennt. Sein jüdischer Freund war Jmanuel Sifroni. Wenn Heinrich Heine Chari einen Vol täirianer 500 Jahre vor Voltaire genannt hat, so läßt sich dies Wort auch auf Jmanuel anwen den. Uns freilich erscheint er als der Heine des Mittelalters, ebenfalls ein ungezogener Liebling der Grazien, er bietet uns immer liebliche Blüten, in ihren Kelchen bergen sie aber bei süßem Honig zuweilen auch einen Tropfen Gift. In seiner Liebe war er glücklicher als sein deut scher Geisteserbe, dem er an Witz und Satire so sehr ähnell. In der Not des Lebens, die er in ihrer ganzen Herbheit kennen lernen sollte, stand ihm die anmutige Gattin treu zur Seite. Tas stattliche Vermögen, das er seiner ausgedehnten und lohnenden ärztlichen Tätigkeit zu verdanken hatte, ging ihm infolge einer mit echtem Tichter leichtsinn geleisteten Bürgschaft verloren, und „gebeugt von der Ariput und des Alters doppelter Bürde", mußte er, seinem Freunde Tante gleich als fahrender Sänger sein Leben fristen. Seine Frohlaune blieb ihm treu. Eine Fülle von leichten Scherzen entströmte seiner schreib lustigen Feder. So hält er sich in einer Stunde des Uebermuts selbst die Leichenrede, in der er mit köstlichem Spott die übertreibende Manier der damaligen Trauerprediger, die übrigens nicht nur in der Geschichte fortleben, persifliert. Wenn auch durch seinen Heimgang, so meint er, die Hinter bliebenen das Lachen verlernen würden, so gäbe es für sie doch noch eine Quelle des Trostes, seine hinterlassenen Schriften. ’ In seiner Sammlung Machberoth schildert er ein jüdischer Boccacccio — Abenteuer aller Art, oft lasziv und frivol, auch darin an Heine erinnernd, sodaß man den frommen Rabbinern nicht eben unrecht geben wird, wenn sie vor der Lektüre dieser Schriften zu mindesten am Sabbat warnen. Tas Schlußkapitel ,Hölle und Paradies" bietet ein allgemeines literarisches Interesse- Es findet sich darin mancher Anklang an TanteS göttliche Komödie- So schimmert der bekannte Vers: „Laßt alle Hoffnungen draußen, die ihr naht", durch den hebräischen Satz hindurch: Wer eintreten mag, trete ein, heraus kommen wird niemand, wenn auch die Form an 394 — ein talmudisches Zitat erinnert. Uebrigens ist Siftoni duldsamer als sein italienisches Urbild, bei dem alle Nichtkatholiken der Hölle verfallen sind. Sifroni bleibt der talmudischen Lehre eingedenk, daß die Frommen aller Völker Teil haben an der ewigen Seligkeit. Nur in einem kann er sich über seine Zeit nicht ganz erheben. Der gute Plato muß in der Hölle leiden, weil er die Wirklichkeit der Gattungsbegriffe behauptet .hat. Aus dieser Voraussetzung würde nämlich die ketzerische These von der Urewigkeit der Welt folgen. So nimmt unser Tichter Partei in einem Geistesstreit, der die christlichen Scholastiker in zwei Lager gespalten hatte. Sonst muß man Sifroni das Zeugnis ausstellen, daß seine Hölleninsassen ihren Aufenthalt im Gehinnom durchaus verdienen. Da ist der in Bauluxus schwelgende Bedrücker und Ausbeuter der Armen, da ist der Heuchler, der nach Synagogenehren lechzt und Geld auf Wucher leiht, da ist der Quacksalber, der aus die Dummheit seiner Mitmenschen spekuliert, da ist der Richter, der der Bestechung zugänglich ist, kurz eine Gesellschaft, die des Ortes und einander wert ist. Daß Sifroni alle biblischen Autoren in den Himmel versetzte, ist bei seiner Deftkart selbstverständlich. Als Jmanuel aus seiner Reise ins Himmelreich diesen Frommen naht, wissen sie sogleich seinen Besuch zu schätzen, jetzt gäbe es Scherz und Frohsinn; die Verfasser der heiligen Schriften wetteifern, ihn mit Lob zu überhäufen, und der königliche Harfner David ruft alle Kommentatoren des so dunklen 68. Psalms zusammen und sagt, indem er aus Jmanuel weist: „Nur dieser hat mich verstanden." Jmanuel war nicht nur in der Bibelauslegung bewandert. Er beherrschte die «naimunisch-aristotelische Philosophie und besaß auch zweifellos gute Kenntnisse in der italienischen Literatur. Tante selbst lernte er am Hose zu Verona kennen, dessen Treiben Sifroni geistvoll schildert. Die Freundschaft der beiden Dichter setzte sich ein schönes literarisches Denkmal in einem italienischen Sonettenwechsel. Inwieweit die Juden durch Jmanuel mit Dantes Schaffen vertraut wurden, ist schwer zu sagen. Sichere Erfolge in seiner kulturgeschichtlichen Vermittlerarbeit erzielte Jmanuels Vetter-Juda Romano, der den Juden die Werke eines Albertus Magnus, eines Thomas von Aquino erschloß und ein hebräisch-italienisches Glosar der philosophischen Schulausdvücke schrieb. Der König Robert von Neapel, Judas Schüler im Hebräischen und in der Philosophie, hat diese Arbeiten ebenso gefördert, wie er auch die Uebersetzung anderer arabischer und hebräischer Schriften ins Lateinische unterstützte. Mit dem Interesse für die neutestamentliche Quellensprache, das Griechische, verband sich bei vielen Humanisten auch das Streben, die hebräische