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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-08-16 · 10 (16.8.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
10 (16.8.1926)
Date
1926-08-16
Page
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Das erste Referat erstattete Dr. Heinrich Stern über Liberalismus in Deutschland. In Deutschland, führte Herr Dr. Stern aus, gibt cs keine spezifischen liberal-religiösen Gemeinden, die nach Gesetz bestehenden Gemeinden vereinigen liberale, konservative und zionistische Gemeindemitglieder, eigene Gemeinden besitzt nur die „Trrnnungsorthodoxie." In politischer Hinsicht richtet sich der Kamps der Liberalen weniger gegen die Orthodoxie als gegen den Zionismus. Tie großen jüdischen Gemeinden haben religiöse und kulturelle Aufgaben, in deren Verwirklichung sich die beiden religiösen Richtungen teilen. Tie Mehrheit der Zionisten ist religiös konservativ, ihre Vertreter in den Gemeindeverwaltungen gehen in der Regel mit den Konservativen zusammen. Ter Gegensatz zwischen Liberalen und Zionisten besteht darin, daß die Liberalen das Judentum nur als eine religiöse Gemeinschaft ansehcn und den Begriff „Jüdisches Volk" ablehnen. Tie Mehrzahl der Liberalen betrachtet alle politischen und kulturellen fragen vom rein deutschen Standpunkt und anerkennt die Notwendigkeit eines jüdischen Sonderlebens nur in religiöser Beziehung und auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge an. Der Kampf gegen den Antisemitismus wird von der Mehrheit liberaler Juden von dem Gesichtspunkt aus geführt, daß die Juden in Deutschland nicht allein volle politische und staatsbürgerliche Rechte zu genießen haben, sondern daß sie politisch, wirtschaftlich und kulturell mit ihrem Vaterlandc auf Gedeih und Verderb verbunden sind. Der nationaljüdische Standpunkt tiner jüdischen Kollektivität innerhalb des Staates und der Notwendigkeit einer Hebraisierung der Jugend schwächt unseren Kampf gegen den Antisemitismus. In dieser Beziehung stehen viele Konservative auf unserer Seite. Tie deutschen Zionisten fühlen sich kulturell und politisch garnicht als Bestandteil des deutschen Volkes und unterscheiden sich darin von den englischen und amerikanischen Zionisten. Die deutschen Zionisten unterstreichen die Existenz einer nationaljüdischen Gemeinschaft in den Ländern der Diaspora. Deshalb sind die Gegensätze zwischen Liberalismus und Nationaljudentum in Deutschland so scharf, daß sie sogar eine Zusammenarbeit in rein religiösen Fragen zwischen Liberalen und liberal gesinnten Zionisten unmöglich machen. Indessen streben einige religiös-liberal orientierte zionistische Führer eine Annäherung zwischen den beiden Bewegungen an, und so ist zu hoffen, daß der Kampf an Schärfe verlieren und eine Zusammenarbeit in Fragen religiöser Natur möglich werden wird. Dr. Stern führte weiter aus, daß in Deutschland viele für die Wiedereinführung der 'Gebete um Zion sich «insetzen. Sonntagsgottesdienst« sind in Deutschland selten, da die überwiegende Mehrheit der Liberalen gegen solche Gottesdienste ist, die des sabbathlichen Zeremoniells entbehren müssen. Die liberale Bewegung in Deutschland betrachtet den Kampf gegen religiösen Jndisferententismus, der unter vielen mit dem Zionismus sympathisierenden jungen Juden platzgreist, als die wichtigste Aufgabe. Ueber liberales Judentum in Amerika referierte Rabbi I. Morgenstern. Das amerikanische Reformjudcntum ist nunmehr in die dritte Generation eingetreten. Tie erste Generation, die ihren Reformismus aus Deutschland mitbrachte, stand vor dem Problem der Sicherung der wirtschaftlichen Position und der kulturellen Anpassung. Die Führer waren in Deutschland geboren und erzogen, sprachen deutsch und fühlten sich im Geiste mit Deutschland verbunden. Tie Gebetbücher enthielten auch den deutschen Text, die Predigten wurden in deutscher Sprache gehalten und atmeten deutschen Geist. Die zweite Generation ist gekennzeichnet durch die Begründung der „Union of Hebrew Congregations" (1873) und der „Hebrew Union College" (1875), beides Schöpfungen des Begründers des Resormjudentums Mr. Jsaac > M. Wise. Unter der Führung der Vertreter amerikanischen Geistes begann in der dritten Generation die neue Orientierung. Im Jahre 1882 setzte die jüdische Masseneinwanderung aus Osteurapa ein, die 40 Jahre andauerte. Die Neuankömmlinge waren orthodox gesinnt. Diese Orthodoxie lehnt jedes Kompromiß mit dem modernen Leben ab. Mit der Zeit entsteht ein neues Judentum in Amerika, das sich vom Resormjudentum ebenso unterscheidet wie von der Orthodoxie. Zu bedauern sind die Erscheinungen der Abtrünnigkeit und der Mischehe, sowie die Nichtbeachtung der Sabbathruhe. Der Synagogenbesuch hat nachgelassen. Die seit 40 Jahren bestehenden Sonntagsgottesdienste sind auch heute noch Experimente von zweifelhaftem Wert. Mit aller Kraft muß das neue Erziehungssystem gefördert werden, das helfen wird, ein neues Judentum aufzubauen. Ueber liberales Judentum in England berichtete Claude G. Montefiore. Die religiös-liberale Union besteht seit 16 Jahren und entwickelt sich unabhängig von der 1842 entstandenen Reformbewegung, Die Union wurde auf Anregung von Miß Lilh Montagu begründet. Die jüdischen arbeitenden Männer und Frauen sahen im jüdischen Wesen etwas höheres als nur die Beobachtung des Zeremonials. Deshalb konnte sie die Orthodoxie nicht befriedigen, ihnen konnte nur das liberale Judentum helfen. Indessen sind die Beziehungen zwischen Liberalismus und Orthodoxie in England im allgemeinen gute. Wir ergreifen jede Gelegenheit, um zur christlichen Kirche in freundschaftliche Beziehungen zu treten. Das liberale Judentum in England ist gesund und in einer Aufwärtsentwicklung begriffen. Ueber liberales Judentum in Schweden referierte Dr. Henrik Wolfs. In Schweden wohnen

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