Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 10 (16.8.1926)
- Date
- 1926-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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- 200 - schließlich Juden, „sondern in größerer Anzahl Christen sind, die den sittlichen und kulturellen Halt der Völker untergraben. Es ist also eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die Juden als Gesamtheit mit dem Bannfluch des Antisemitismus zu belegen." Das ist gegen die Vernunft, gegen die Gerechtigkeit und erst recht gegen die Liebe. Wenn Juden sich in verhältnismäßig großer Zahl an den revolutionären Bewegungen beteiligt haben, so ist das daraus zu erklären, daß ihre so lange gewaltsam zurückgedrängten Gefühle und Kräfte sich in revolutionären Ausbrüchen Lust gemacht haben. „Die christlichen Völker selber tragen also im Grunde genommen die Schuld an dem zersetzenden und negativen Einfluß, der vielfach vom Judentum ausgeht." Die Juden sind infolge ihrer Jahrtausende alten Kultur ein geistig hochstehendes Volk, dem die Menschheit auf allen Kulturgebieten hervorragende Leistungen verdankt. „Nur ein für Gerechtigkeit unempfindlicher Haß kann diese Tatsache verkennen. Aus dem Antisemitismus spricht deshalb oft genug nur das uneingestandene Bewußtsein eigener Ohnmacht und Unfähigkeit." Tie Erfahrung zeigt, daß die Juden in den Ländern, in denen sie uneingeschränkte Freiheit und volle Gleichberechtigung genießen, kaum einen nennenswerten Einfluß auf das öffentliche Leben genießen. Holland ist dafür das klassische Beispiel. So kommt Pater Mager zu dem Endergebnis: ,Zm Lichte der Liebe ist der Antisemitismus nicht nur eine Häresie. (Ketzerei), sondern geradezu ein Verbrechen" (S. 23). Ich mag nicht mit Pater Mager rechten. Was er vom Haß der Juden gegen Jesus fabelt, ist wie vieles andere in seiner Darlegung nur aus der völligen Unkenntnis des Empfindungslebens der Juden der Gegenwart zu erklären. Wie er sich aus der Verwerfung Jesu durch die Juden deren innere Unrast erklärt, ist ebenso verfehlt; sie ist vielmehr eine Folge der Verhetzung und der Un-' sicherheit ihres Lebens bis in die Gegenwart hinein. Aber alle diese schiefen Urteile werden durch sein tiefreligiöses und rchtmenschliches Bekenntnis zur Gerechtigkeit gegen die Juden reichlich aufgehoben. Seine Abwehr und Abkehr vom Antisemitismus ist eine sittliche Tat. Ich rechne ihn zu den Nichtjuden, für die das Talmudwort gilt: „Die Gerechten unter den Nichtjuden haben ein Anrecht auf ewiges Leben." Mit ernstlicher Absichtlichkeit stelle ich Magers Bekenntnis zur Liebe das Bekenntnis zu unbegrenztem Judenhaß entgegen, das soeben Franz Haiser») in seinem Buche „Die Judenfrage vom Standpunkte der Herrenmoral" abgelegt hat. Weht durch Pater Magers Gedanken der Geist ernster Nachdenklichkeit und des Ringens um Ge- -) Franz Haiser, Die Judenfrage vom Standpunkt der Herrenmoral, Leipzig 1926, Verlag Theodor Weiger, Preis Mk. 3.-, geb. Mk. 4.50. rcchtigkeit, so offenbart sich in Haisers Darlegungen kindische Selbstüberschätzung im Edelwettbewerb mit herzloser Rohheit. Der Leser hat bisweilen das erlösend« Empfinden, daß sich hier ein Schriftsteller einen groben Witz mit seinem Leserkreis erlaubt hat, bis er erschreckt erkennt, daß das Buch ernst gemeint ist. Haisers Geschichtsauffassung vom Judentum ist eine Kette unrichtiger Behauptungen, die alle Tatsachen auf den 'Kops stellt. Sachlich und sprachlich zeugt das Buch von vollendeter Unkultur und politischer Unreife. Dabei offenbart es nur zu oft auch die sittliche Minderwertigkeit des Verfassers; so, wenn er von sich ausplaudert, daß er „in seinen schon sehr reiferen (!) Jahren es nicht über sich bringt, der pikantesten Schöpfung des Paradieses auch nur einigermaßen kühl gegenüberzustchen" (S. 61 ff.). Seine sittlichen Imperative sind von köstlicher Naivität. Was ist Kants kategorischer Imperativ gegen Haisers Mahnruf: „Geldleute teutonischer Rasse stützt eure Macht auf Wikinger, nicht auf Freigelassene" (S- 109)! Lohnt es sich, dieses Satierspiel ernst zu nehmen? Und doch ist es leider ernst zu nehmen, denn dieser Haiser gilt in deutschnationalen Kreisen als Autorität. Der Verleger empfiehlt sein Buch mit den Worten: Das vorliegende Buch ist das achte Werk des bereits allgemein bekannten Verfassers. Es ist keine Ehre für Deutschland, daß derartiger kritikloser Unsinn, daß soviel brutale Gehässigkeit hier einen Leserkreis sinket. Das Wort Pater Magers gilt von diesem Buch« wortwörtlich: ihm fchlt die Liebe. „Und vom Standpunkt der Liebe ist der Ansisemitismus nicht nur , eine Häresie, sondern geradezu ein Verbrechen." Die Israeliten Württembergs im Jahre 1807. Von Rabbiner Dr. Tänzer, Göppingen. Die in Nr. 6 vom 16. Juni ds. Js. gebrachte sehr dankenswerte Zusammenstellung der Israeliten Württembergs nach ihren Wohnorten auf Grund der Volkszählung v. I. 1925 veranlaßt mich aus meinem Materiale zu der in Bälde erscheinenden „Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen" das Ergebnis einer amtlichen Zählung der Juden Württembergs v. I. 1807 hier mitzuteilen. Diese Zählung wurde von den damaligen Kreisämtern im Aufträge der Regierung vorgenommen und gehörte zu den Vorarbeiten für die vom König Friedrich geplanten Gesetze zur einheitlichen Regelung der Rechtsverhältnisse der Juden in Alt- und Neuwürttemberg v. I. 1808'). Ihr Ergebnis ist durch den Vergleich mit -dem v. I. 1925 in mehrfacher Hinsicht sehr lehrreich. Es sollen deshalb auch die letzteren Zahlen hier bcigesügt werden. 0 Erstmalig bearbeitet bei Paul Tänzer, Die Rechtsgeschichte der Juden i. Württ. 1808-1828. Stuttgart 1922, S. 21 ff. u. 97ff. ° Ä