Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 5 (1.6.1926)
- Date
- 1926-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
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Gemetndezettung für die Lsraelitischen Gemeinden V-urltembergs St|og(pi«ii: «tBfü)U«tUd|S«|Ullg«IO |6(|rL4R«td)Bmotk «tnjtlanmin« tO Kefd|ep(<imtg poMchrdt.«»«», Mt 3* «rföetQt monotUdt jnxhnnl am l.n. H. vertag: Israelitische verlagsaaflalt G. m. d. H. ftrnfpnd)«r 0,.}L »3t» (trat fflt Dctlng«aMlg.) Schrtftletluug; Stodtraddtaer vr. Kteger, Stuttgart Choriottrattrafr« 13. JtnjtlB «npt«l»i bte «talpatttp« nonpaictUcpcUc .oixr btrta ' Rtram 30 Rtldgepfetraig famitteiiimjetgtn trab kMm futjefgta M« Ktetnjctl« tO R*1d)»p|«nntg K<klam* 130 RtlcDemark 8«i H>i<bttt|olinig«n DttgOnltlgtrag III. Jahrgang Stuttgart, 1. Ttrai fprs nt. 5 Amtliche Bekanntmachungen. Zsr. Vorsteheramt Ulm. Den verehr!. Gemeindemitgliedern zur gefl. Kenntnisnahme, daß ab 1. Juni d. Js. der alte isr. Friedhof an der Frauenstraße geschloffen bleibt. Der Schlüffe! ist bei Gärtner Schuttes oder beim Friedhofsaufseher zu haben. Wer einen eigenen Schlüffe! haben will, hat sich an das Rabbinat zu wenden. Isr. Borsteheramt i. ^3. Straßburger. Darf ein Christ Antisemit sein? In einer überaus anregenden Studie, die der Paderborner katholische Theologe Dr. Friedrich Murawski unter dem Titel „Die Juden bei den Kirchenvätern und Scholastikern, eine kirchengeschichtliche Skizze als Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus" veröffentlicht*), kommt der Verfasser zu dem Ergebnis: Der auf diesen Seiten gegebene Ueberblick beweist, daß der Antisemitismus nicht im Geiste der Kirche liegt. Es kann nach christlicher Anschauung für den, der unverblendet die Judenfrage betrachtet, tatsächlich nur eine Lösung geben: Der katholische Christ steht dem Juden genau so gegenüber wie dem Protestanten und jedem anderen Angehörigen einer nichtchristlichen Religion. Er wünscht selbstverständlich dringend, daß sich alle Menschen der einen Kirche Christi anschließen, weiß aber auch, daß der Glaube eine Sache des freien Willens und der Gnade ist. Den Mitmenschen als solchen darf man in keinem Falle wegen seiner Religion verachten und hassen, da keiner auf dieser Welt in die Herzen schauen und gerecht richten kann — das Gericht ist Gott Vorbehalten. Den Antisemitismus wird man deshalb als etwas der katholischen Kirche Wesensfremdes betrachten müssen. Die Kirche ist in ihren großen Geistern niemals antisemitisch gewesen. Murawski stellt zudem fest, daß alle kanonischen Bestimmungen über die Beschränkung des Ver- .1) Berlin. 6. A. Schwetscbke & Sohn, Verlagsbuchhandlung. Preis RM. 2.40. kehrcs der katholischen Christen mit den Juden außer Kraft getreten sind, da sie als Disziplinärgesetze im neuen Codex juris canonici nicht enthalten sind, und daß der Codex bestimmt: wenn von den übrigen Disziplinargesetzen, die bisher bestanden haben, eines im Codex nicht enthalten ist, hat es alle Kraft verloren. Den Verfasser interessieren in seiner Darstellung nicht die Tatsachen der Kirchengeschichte, sondern die persönliche Einstellung der Kirchenväter und Theologen zu den Juden. Auffchluß über diese Einstellung können also nur solche Stellen in ihren Schriften geben, in denen sie von den Juden ihrer Umgebung sprechen, in denen sie das Judentum nicht als Religionsform, sondern die Juden als Mitmenschen kennzeichnen. Der Grundsatz Theodorichs des Großen — sein Kanzler war Aurelius Cassiodorus — „die Religion können wir nicht befehlen, denn niemand kann gegen seinen Willen zum Glauben gezwungen werden", ist bei Gregor dem Großen, Bernhard von Clairvaux und den edelsten Führern und Fürsten der katholischen Geschichte der Leitsatz für die Behandlung der Juden geblieben. Die letzte Entscheidung in der Stellung der Kirche zur Judenfrage stammt allerdings von Thomas von Aquino, dessen Summa theologica die Grundlage der katholischen Theologie bis zur Gegenwart geblieben ist. Er hat ausdrücklich die Bestimmung des alten Kirchenrechtes übernommen: „Die Juden sollen volle Freiheit haben, alle ihre Feste zu feiern und zu halten, wie sie selbst bisher und ihre Väter sie lange Zeit hindurch andächtig gehalten haben." Ueber die Zwangstaufen äußert er sich ganz im Geiste seiner edelsten Vorgänger: „Im Dekret heißt es: Bezüglich der Juden befiehlt die heilige Synode, niemandem in Zukunft zum Glauben Gewalt anzutun . ., denn der Glaube ist eine Sache des Willens." Ueber die Zulässigkeit des Verkehrs mit den Juden sagt er in der Summa: „Die Kirche verbietet den Gläubigen nicht die Gemeinschaft mit-den Ungläubigen, . . nämlich mit den Heiden und den Juden, denn sie kann über diese kein geistliches Gericht ausüben." Es muß bedauert werden, daß der gelehrte Ver-