Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 3 (1.5.1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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»W«W»WWW>WWWW>WW«W>^MM»MMWW — 49 WWW» v Pascha, der mannhafte Widerstand gegen die Bersttzmmelung des kleinasiatischen Kernlandes der Türkei, die großen Siege im August und September 1922, die Absetzung des Mehmed VI. und die Abschaffung des Sultanats (November 1922) haben bewiesen, daß,^>er kranke Mann", wie man das Türkenreich und seine Herrscher so gern spöttelnd genannt hat, die alte Heü»enkrast und jugendlich« Energie noch nicht verloren haben. 250 Millionen Menschen, also ein Sechstel der Gesamtmenschheit, sind Jslambekenner. Nach einer Zeit des Stillstandes flutet der Islam angreifend,, werbend über die Grenzen seiner Ursprungsländer. Er hat sogar in Europa, auch in Deutschland in den letzten Jahren begeisterte Anhänger geworben. Die tiefe Einfachheit der Verkündigung Muhammeds ist das Geheimnis ihres Erfolges. Sie besteht aus zwei Gedanken: Gott und Zukunft. Nirgends Rückständiges, kein Glaubenmüssen, keine Vergewaltigung des Intellekts — es ist nicht auffallend, daß der Islam seine Werbekraft niemals eingebüßt hat. Man lese die Werke des Türken Zia Gök-Alp, der sich leidenschaftlich für die Umbildung des Islam zu einer reinen Gesinnungsreligion einsetzt, und man wird bekennen müssen, daß die Religion des Orients höchste Achtung verdient. Gewiß beherrscht der Aberglaube noch weite Gebiete des Islam — haben denn aber der Aberglaube, Wahrsagerei, Totenbeschwörung, 'Geisterzitierung ihre Vormacht etwa schon im Abendlande verloren? Der angebliche Fatalismus, der Kismetglaube des Islam, und alle die wunderhübschen Erzählungen, die als seine Folge berichtet werden, gehören in das große Reich europäischer Zeitungsdichtung. Jeder Kenner des Islam weiß es ohnedies, daß im Glauben Muhammeds nicht etwa das blinde Schicksal, sondern allein der persönliche Wille des weisen, gerechten und barmherzigen Gottes das Weltall leitet. Die Jslamtradition erklärt ausdrücklich, daß Gott dreierlei Gebete nicht erhört: wenn einer in einem verfallenen Hause wohnt und Gott bittet, daß es nicht einstürzt; wenn einer sein Geld auf die Straße wirft und Gott bittet, es zu schützen; und wenn einer ein Tier fortlausen läßt und Gott bittet, daß er es fängt. Wer den Jslambekenner der Gegenwart kennen lernen will, der betrachte den muhammedanischen Geschäftsmann in London, Paris und Newyork, in den indischen Handelsstädten und in den südamerikanischen Hafenplätzen. Man darf geradezu von einem wirtschaftlichen Panislamismus sprechen. Wer mit diesen nüchternen strengrechtlichen Kausieuten zu tun gehabt, hat die Fabel von dem schläfrigen Orientalen überwunden. Aber der Jslambekenner ist ja ein beschaulicher Träumer und Nichtstuer! Man schaue sich die muhammedanischen Fabrikarbeiter, Männer und Frauen, an und wird seinen Irrtum eingestehen müssen. Bor allem aber glaubt!»as Abendland noch immer an die angebliche S lavcrci der muhammedanischen Frau. Im philo ophischen Axiom hat der Islam die Frau alleü» ngs verspottet. Wer aber die wirkliche Stellung »er Frau im Islam ' kennen lernen will, der lese den zweiten Band von Goldzihers Muhammedc nischen Studien. Er wird sein Urteil von Grund auf ändern müssen. Der Islam hat die Frau nie entrechtet. Die Vielweiberei ist lckiglich eine heoretische Möglichkeit, tatsächlich ist sie kaum s mrenhaft vorhanden. Die islamische Frauenwelt ist überall erwacht. Sie hat ihre begeisterten mnnlichen und weiblichen Vorkämpfer. Die Emai zipation der islamischen Frau ist so weit vo> geschritten, daß sie sich getrost neben die europäisi 'ft stellen darf. Die Sklavenfrage ist im Z slam vorbildlich gelöst. Nach seinen Gesetzen kä men überhaupt nur Kriegsgefangene zu Sllaven gemacht werden. Es gehört aber zu den frömmsten Werken, Sklaven frei zu lassen. In dem soeben! in der Neubearbeitung von Bertholet-Lehmann erschienenen ersten Bande des Lehrbuches der Re igionsgeschichte von Chantepie de la Saussaye w rd mit dem Märchen, daß der Islam die Skla» «rei fördert, gründlich aufgeräumt. Vielleicht die seltsamsten Verstellungen sind in Europa über den „heiligen Krieg" verbreitet. Moderne Muslims Verwahrer sich dagegen, daß der Islam den Glaubenskrieg fordert. Gott selbst habe ja gesagt, es gibt in dpr Religion keinen Zwang. Wer Arnolds ausgez ächnetes Buch The Preaching of Islam zur Han!» nimmt, wird zugestehen müssen, daß die vl n christlicher und jüdischer Seite verbreitete Beschuldigung des Islam als der Religion der Unduldsamkeit zu den Märchen des Morgenlandes gehört. Heiratet ein Muslim eine Christin oder Jüdin, so muß er ihr die freie AusÄung ihrer Religion zugestehen. Bor allem der indische Islam ist ein Muster vorbildlicher Duldsamkeit. Rud »lf Tschudi hat das richtige Wort gefunden, wena er den Islam theoretisch die intoleranteste, praktisch die toleranteste Religion nennt. Dabei hat er den Grundsatz nnerer Geschlossenheit nie aufgegeben. Er ist trotz der Fülle seiner geistigen Strömungen eine Einheit geblieben. Er will in bewußter Abwehr d s abendländischen Geistes die eigenen Ideale Hochhalten. Daher ist die christliche Mission in seinen Gebieten völlig erfolglos geblieben. Renan war ein schlechter Prophet, als er verkündete, daß da; 19. Jahrhundert das Ende des Islam erleben wird. Er zeigt ganz im Gegensatz zu den Verfall lerscheinungen der Religionen des Westens stärkste Lebenskraft, größte Entwicklungsmöglichkeiten, wac ssende Energie. Isaak und Jsmael waren Biüder, beide Kinder des Abraham. Der Islam als die einzige Religion des lauteren Eingottglaub« ns neben der jüdischen hat brüderlilhes Anrecht m s die Achtung und .1