Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 3 (1.5.1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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Bewerber-Aufruf Tie Abraham und Henriette Thalheimer- Stistung ist wieder in der Lage, Ausbildungsbeiträge zu verteilen. Nach der Satzung soll das Reinerträgnis des Stiftungskapitals zur Erziehung und Ausbildung bckürftiger und würdiger israüitischer junger Leute beiderlei Geschlechts dienen, welche entweder selbst württembergische Staatsangehörige sind oder deren Eltern seit mindestens 10 Jahren ihren Wohnsitz in Württemberg haben. In erster Linie sollen solche junge Leute berücksichtigt werden, welche ein Handwerk, technisches Gewerbe aber ein Kunstgewerbe erlernen wollen. / Bewerbungen sind bis zum 22. Mai d. Js. bei dem Unterzeichneten einzureichen. Stuttgart, den 22. April 1926. Der Kurator: Regierungsrat Dr. Nördlinger Charlottenstraße 5. Stuttgart, 23. April 1926. Betreff: Stolgebühren. Tie Vorsteherämter, Gemeindepflegen, Rabbiner und Religionslehrer werden darauf hingewiesen, daß die Bestimmung in unserem Erlaß vom 23. Juli 1923 Nr. 709 im ganzen und insbesondere hinsichtlich der Bestimmung Ziffer 4 noch zu Recht besteht. Hiernach ist es den Rabbinern und Religionslehrern untersagt, irgendein Entgelt für die in dem - genannten Erlaß 'erwähnten Amtshandlungen, sowie Geldgeschenke überhaupt, auch wenn sie mit Amtshandlungen nicht im Zusammenhang stehen, anzunehmen. Die Gebühren selbst werden von der Landes- 'versammlung in einer voraussichtlich im Herbst dsv Js. stattsind enden Tagung neu festgesetzt werden. Ten Vorsteherämtern wird empfohlen, diese Bestimmungen den Gemeindeangehörigen in geeigneter Form bekanntzugeben. Nördlinger. Der neue Islam. Es mag eine Erinnerung an die geheimnissrohen Tage der Kinderzeit sein, daß wir alle den Islam im phantastischen Lichte des Märchens schauen. Sobaü» vom Morgenlande die Rede ist, steigt wie eine Fata Morgana das Bild vom Mondesglanz überrieselter Palmenhaine in uns auf, in denen die Zauberquellen geheimnisvolle Lieder singen, das Märchen seine bunten Schleier webt und Scheherzade von tausend Wundern plauders. Etwas rätselhaft Unwirkliches geistert über dem Bilde. Später wird allerdings das Märchengruseln zu einem überlegenen Lächeln: die Wckt des Islam! ist ja für den Europäer das Heimatland der Rückständigkeit, der Vorurteile, der Erstarrung, des noch nicht überwundenen Mittelalters. Der europäische Reisende, der einige Ferien-- wachen im muhammedanischen Morgenlande verlebt hat, weiß allerlei erlckte und erlauschte Sächelchen von diesem Islam zu berichten, die dem schmunzelnden Europäer offenbaren sollen, wie wir es so herrlich weit gebracht und wie weit zurückgeblieben, gleichsam im Zustand der Kindlichkeit diese Welt des Ostens verblieben ist. Auf der Filmleinwand erscheint der fellachische Bauer oder der syrische Araber in seinem grotesken Gewand, wie er den Boden in einer Weise bebaut, die der Westen seit einem Jahrhundert überwunden hat, der komisch dicke Kadi, der tölpelhaft plumpe Schutzmann, der tanzende Derwisch, die „echte" Bauchtänzerin — und der Zuschauer quittiert für das Geschaute mit dem Bewußtsein, daß er den wahren Orient erlebt hat. Und doch entspricht das Gesehene der Wirklichkeit etwa in dem Maße wie die Darstellung der japanischen Zustände in Sullivans „Mikado" oder in Sullivans „Geisha". Wie muß es alle dftse angeblich Gebildeten berühren, wenn sie vor das Bild des wahren Orients treten, wie es soeben in zwei in der Sammlung gemeinverständlicher Borträge und Schriften aus dem Gebiet der Religionsgeschichte veröffentlichten Vorträge des Göttinger Professors Bertholet und des Basler Professors Rudolf Tschudi i) meisterhaft gezeichnet wird. Das ist allerdings ein anderer Islam, als ihn sich das selbstgefällige Europa ausmalt. Statt der angeblichen Erstarrung ein leidenschaftlich stark pulsierendes Leben, statt der überall vermuteten Rückständigkeit staunenswerte kulturelle und soziale Fortschritte auf allen Gebieten, statt der märchenhaften Romantik nüchterner Arbeitswille, bei allem Modernismus aber ein vorbildliches Festhalten an der religiösen Eigenart, die zumeist Eigenwert bedeutet. Es wäre zu wünschen, daß jeder Europäer und besonders der europäische Jude, dem der Orient in bewußter Absicht als der Abgrund aller Unkultur dargestellt wird, sich in einer stillen Stunde die beiden Büchlein vornimmt, um sich an der Hand so vorurteilsloser Führer in der Welt des neuen Islam umzuschauen. Bei der Heimkehr von einem solchen Ausflug muß ihr Urteil lauten: Es gibt wenige Kulturgebiete auf üc Erde, die in den letzten Jahrzehnten eine so machtvolle Entwicklung erfahren haben, wie die Welt des neuen Islam. Allein die Tatsache, daß das Chalifat, das die Dynastie Osman seit Jahrhunderten inne hatte, im März 1924 durch einen Beschluß der Nationalversammlung in Angora abgeschafft worden ist, kennzeichnet diesen neuen Geist. Die nationale Erhebung der Jungtürken unter Mustafa Kemal »1 Alfred Bertholet, Die gegenwärtige Gestalt des Jslgms. 1926. Verlag von I. C. W. Mohr lPaul Siebeck). Tübingen M. 1.29 (Subskriptionspreis M. 1.—). Rudolf Tschudi, Das Chalifat. 1926. Derselbe Verlag. M.120. Subskriptionspreis M. 1. —).