Mannheim
Compact Memory

Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1924-12-15 · 9 (15.12.1924) · p. Seite 153

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
I (1924-1925)
Issue
9 (15.12.1924)
Date
1924-12-15
Page
Seite 153 (sequence 3)
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4904101-5441785-5442890--0231-4904262
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

153 - der die Weltfittlichkeit begründet hat? Oder ist es der Geist des weltverachtenden Idealismus, der das Judentum allen Verfehmungen zum Trotz zur Ewigkeitsreligion gemacht hat? Oder ist eS der Geist des zweitausendjährigen Martyriums, der die Juden befähigt hat, die letzte Forderung der Selbstvernichtung um der Wahrheit willen zu erfüllen? Oder der Geist des lauteren Familiensinns und der Wohltätigkeit, die noch heute Kennzeichen jüdischer Art sind? Ist es der Geist der Weltweisheit, der von Spinoza über Mendelssohn zu Lazarus und Steinthal und zu Hufferl und Hermann Cohen in gerader Linie führt? Oder ist es der Geist eines Heinrich Herz, eines Ehrlich, eines Einstein, die durch ihr Schaffen der Menschheit neue Wege gewiesen? Ist es der Geist, der sich in MahlerS Symphonien, in Meffels Bauten, in GundolfS Gedankentiefe kundgibt? Bolksfremd und raffenrein sind üble Schlagwörter, die in den Bierdunst der Volksversammlungen paffen mögen, die aber in der reinen Lust des Geistigen kein Heimatrecht haben dürfen. Die Frage nach der Raffe ist bei der Beurteilung von Hunden, Pferden und Ochsen vollberechtigt. Dieser Tierzüchterstandpunkt sollte aber bei der Beurteilung geistiger Strömungen endgiltig aufgegeben werden. Wer sich mit der Genealogie der leitenden Gedanken der Kunst und Kultur befaßt, wer erst begriffen, daß die politischen Schlagbäume keine Grenzkraft für Ideen haben, der wird den Chauvinismus in Kulturstagen als Lächerlichkeit begreifen. Alle Völker haben nur ein winziges Bruchteilchen ihrer Geistesfchätze aus ihrer eigenen Seele gehoben, das größte und beste danken sie stemder Anregung, schulden sie fremder Bestuchtung. Wer aber auf das hilflose Stammeln eines Chamberlain und Wendrin und ihrer Nachbeter schwört, daß alles Große in der Menschheit germanisch oder wenigstens arisch ist, der hat das Anrecht, ernst genommen zu werden, verscherzt. Es ist ein Zeichen deutschen Niedergang-, daß Bayreuth, auf das auch zahlreiche Juden wie auf eine Tempelstätte reinster Kunst schauen, zu einem Tummelplatzeines kindlichen Monarchismus und eines in sich unsittlichen Antisemitismus geworden ist. „Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Liedl" Zum Chanukka-Fest. MoauS zur. Hell ertönt mein stommer Sang Und mein Lied zu Gottes Ruhm, Der den grimmen Feind bezwang Und bestell mein Heiligtum. Wieder sind wir stoh bereit. Dir zu weihen die FesteSzeit, Und erneut fei Dir heut Unserer Treue heiliger Eid! AuS Ägyptens Sklaverei Und aus Babels Tränenzeit, Aus der Perser Tyrannei Hast du gnädig uns besteit. Unser Flehen ward erhört. Unserer Feinde Trotz zerstört — Immerdar in Gefahr Gott der treue Helfer war. Unserer Kinder reines Blut Frech vergoß der Syrer Schar; Sie entweiht' mit Frevelmut Deinen heiligen Altar — Gott, Du führtest unser Schwert, Das die Feinde abgewehrt. Und geweiht ist die Zeit Durch des Makkabäer Streit. Gott, wenn neues Leid uns droht, alte strenges Strafgericht, ette uns aus Not und Tod, Du bist unsere Zuversicht. Was auch immer unser^Teil, Herr, wir hoffen auf Dein Heil, Bangen nicht, bis Dein Licht Sttahlend durch die Wolken bricht. Beiträge zur Geschichte der Juden in Württemberg. Dt« Seschtchle der Juden in Sontheim. Im Jahre 1293 hatte Ritter Albrecht von Ebersbach und seine Gattin das ihnen gehörende Dorf Sontheim der Deutschritterkommende geschenkt. Die Juden werden bei der Schenkung nicht erwähnt. Es scheint alsy, daß sich erst unter der Regierung der Deutschritter Juden hier niedergelassen haben. Die eiste Erwähnung von Juden in Sontheim enthält der Bericht des MemorbucheS von Charleville über die Judenverfolgung des Jahres 1298. Der Edelmann, Rindfleisch aus Rötlingen in Unterstanken hatte! eine Schar fanatischer Menschen um sich gesammelt, die ihn als gottgesandten Propheten betrachteten ynd auf sein Geheiß daS furchtbarste Blutbad unter den Juden anrichteten. Ihr Kreuzzug begang am 12. April mit dem Judenmorden von Rötlingen. Am 22. Juli hausten die Unholde in Sinftringen, am 25. Juli in Möckmühl, am 26. Juli in Kraulheim, am 29. Juli in W'ddern und erschlugen hier die Juden. Am 17. August ermordeten sie die Gemeinde von Neckargartach und ihren Rabbiner Jakob den Simon, seine Frau Dolce, seinen Sohn und seine beiden Enkel. Die letzten Orte ihres BlutwegS waren Heilbronn und Sontheim. Am Sonntag, den 12. Cheschwan (19. Oktober) wurde die Heilbronner Gemeinde, in ihrer Mitte der Rabbiner Jochanan den Eljakim und seine Gattin Lipheit ermordet. Das Memorbuch von Nürnberg nennt noch die Namen der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.