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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1924-06-15 · 3 (15.6.1924) · p. Seite 35

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
I (1924-1925)
Issue
3 (15.6.1924)
Date
1924-06-15
Page
Seite 35 (sequence 3)
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Mag, eine Atempause in der Hast und in der Sucht nach dem Blendenden. Unsere Kinder sind durch den Krieg und seine häßlichen Nachwirkungen weit in den Zeitenstrom mit hineingeriffen: sie achten nur das Glänzende, sie werten nur das Wägbare; ihre jungen Seelen sind mit dem Materialismus ihrer Umgebung tief verwurzelt; das Oberfiächliche ist in ihnen mehr heimisch als Vertiefung und Demut. Aber ein Leben ohne Vertiefung und ohne Demut, ohne Höhensehnsucht und Idealismus ist trotz allen äußeren Glanzes das allerniedrigste. Um so tiefer schmerzt es, daß so viele Eltern diesen Abstieg der Seelen ihrer Kinder nicht spüren, daß sie nicht begreifen, wie nötig ihren Kindern eine Wegweisung zu den ewigen Quellen unserer Wahrheit ist, wie unersetzlich für sie eine Feier wie die Einsegnung mit ihren frommen Erregungen und heiligen Nachwirkungen ist. Liegt ihnen wirklich so wenig daran, daß ihre Lieblinge Lebenswerte anstatt der Bettelpfennige der Alltagsmode gewinnen? Der Einzelne! So oft ich als ein Mahner und Pfleger unserer Ideale an Einzelne herantrete, wird mir die ablehnende, abweisende Antwort gegeben: Der Einzelne kann nicht gegen den Strom schwimmen; wir müssen mit den Wölfen heulen. Sie können gegen die Richtigkeit und Wichtigkeit unserer Ideale nichts Vorbringen und flüchten sich hinter die angebliche Schwäche der Anderen, die in Wirklichkeit die eigene Schwäche und Mutlosigkeit offenbart. Wir Juden sind immer eine Minderheit gewesen. Aber die Minderheit hatte den Mut der eigenen Meinung, des eigenen Weges, der eigenen Tat. Ohne diesen Mut wäre sie zum Absterben verdammt gewesen. Es kam und kommt bei uns eben auf den Einzelnen an. Darum muß bei uns der Einzelne ein Charakter sein. Die Griechen haben die ungeheuren Perserheere besiegt, weil sie mit edelstem Selbstvertrauen stärkstes Einzelwollen verbanden. Die Makkabäer waren einzelne, und die Syrer viele; aber die Einzelnen trieben die Vielen zu Paaren. Wir Juden sind das Musterbeispiel für die Kraft des Individualismus. „Einer swar Abraham, aber er eroberte seinem Gotte eine Welt," sagt der Prophet. DaS muß jüdische Lebenslosung bleiben, wenn wir im Zeitensturm bestehen wollen. „Jeder bei seiner Fahne mit dem Blicke auf das gemeinsame Heiligtum," wie es in der alten mosaischen Lagerordnung heißt. Minderheiten rechnen mit jedem Einzelnen! Sorge für di« Seel« deines «indes, nicht nur für seinen Körper! Die Mahnung, für das körperliche Wohlbefinden der Kinder zu sorgen, ist heute kaum noch berechtigt. Es gibt wenige Eltern, die dieser ersten Pflicht nicht entsprechen. Dagegen fehlt eS fast allen an der rechten Sorgfalt für da- Beste, die Seele. Sie gleicht jungfräulichem Erdreich, das der Aussaat harrt. Seltsam, daß es so ' viele dem Winde, dem Zufall überlassen, Samen in den Boden zu tragen, der Unkraut in.ihm * reift. Das Kind wird vor jedem Windzug sorgsam behütet. Es wird ängstlich darüber gewacht, daß ihm ja kein ungesunder Nahrungsstoff zugeführt wird. Daß aber tausend Emflüffe und Eindrücke, die weit bedenklicher sind, durch die Sinne in die Seele eintreten, in ihr wurzeln und wuchern und zarte Keime ersticken, wird kaum beachtet. Des Kindes Seele nimmt unbewußt alles ein, hebt alles auf, pflegt alles fort, was der Zufall in sie hineinweht, und es ist sehr schwer, das einmal in ihr Verwurzelte aus ihr auSzurotten. Was nützt die sorgsamste Körperpflege, wenn inzwischen die Seele unbtzhütet bleibt?1 Und dann erschrecken die Eltern, wenn plötzlich das Unkraut im Seelenboden lustig aufwuchert, wenn sich Erscheinungen zeigen, welche die furchtbare Tatsache bezeugen: Deines Kindes Seele ist vom Bösen angekränkelt! Wie um sich selbst ' zu entschuldigen, versichern dann die Eltern dem Lehrer, daß sie alles für ihr Kind getan haben. Ja, alles, nur eins nicht: sie haben es in der ersten Zeit des erwachenden Bewußtseins nicht vor den unbewußten Beeinflussen! behütet; sie haben es in der Zeit, in der noch die Tore zum inneren Tempel, zum Allerheiligsten ihres Kindes weit offen standen, jedem ersten besten gestattet, ' der oft der letzte und schlechteste war, bte Häßlichkeiten seines Charakters in ihres Kindes Seele einzupflanzen. Wie kann das Gute in einer Seele reifen, wenn es nicht in sie gesät wird? Keimt Schlechtes in1 ihr, dann ward es zuvor in die Seele gesät! Es ist allerdings schwerer, eine- Kindes Seele vor Unkraut und Giftkraut - zu wahren als eines Kindes Körper. Aber das eine ist so nötig wie das andere. Wie man die Seele vor solchem Gifte wahren kann? Halte nach Möglichkeit schlechte Menschen von deinem Kinde fern. Falls du dein Kind nicht selbst betreuen kannst, sollen die Menschen, _ denen du eS anvertraust, äußerlich sauber und innerlich rein, ehrlich und gewissenhaft sein. Spürst du Unreines, Unrechtes, Rohes an ihnen, dann schütze dein Kind vor diesem giftigen Unkraut, ehe es zu spät ist. Denke daran, daß Unbewußtes einmal in ihm bewußt wird! Du selbst aber tritt an deiner Kindes Wiege mit dem Feinsten und Reinsten deiner Seele! Die ersten Eindrücke-sind die stärksten, sie wurzeln am tiefsten in der Seele, die noch so empfindsam, empfänglich ist, daß alles in ihr hastet. Dienst am Krnde ist Gottesdienst: Wir brauchen betende Mütter. >

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