Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 2 (1938 - 1939)
- Issue
- 2 (1.10.1938)
- Date
- 1938-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JODISCH&S GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Nr. 2 Wir sollen uns vor die Schlupfwinkel der sonst an uns heran» kriechenden, und umschlangelnden und uns vernichtenden Gift' geistcr stellen und sollen so mit unserem Mut der Angst und der Gefahr Einhalt tun. Haben wir unsere Schuld erkannt mit uner» bittlicher Sclbstprüfung, dann sollen wir zu bessern suchen, was wir zu bessern vermögen, denn alle Buße ist eine bessere Tat: (Babl. Joma 86b) „Groß ist die Buße, denn sie bringt die Erlösung." Ein Gedenkbuch der Juden in Deutschland. In diesen Rösch»1 laschanah'Tagcn greift der Keren Kajemeth Lejisrael einen alten jüdischen Gedanken auf. Er schafft ein Ge« denkhuch — Set er Sikaron — in dem die Namen aller Juden, die jetzt noch in Deutschland leben, eingetragen werden sollen. Jede Gemeinde wird ein eigenes Buch haben, auf dessen ersten Seiten die Bilder der Synagoge, des Friedhofs und anderer wichtiger In' stitutionen der Gemeinde eingefügt sind. Daran schließen sich die Namen der Gemeinde'Mitglieder und ihrer Familien. Spater sollen alle diese Bücher in einem großen Bande vereinigt werden, das in der Nationalbibliothck des jüdischen Volkes in Jerusalem aufhe» wahrt werden wird. Die Mittel, die auf diese Weise autgebracht werden, sollen dazu bestimmt sein, eine Siedlung von Juden aus, Deutschland in Palastina, die den Namen 7el Sikaron — Hügel des Gedenkens tragen wird, zu errichten. Der Gedanke, der in diesem Plan zum Ausdruck kommt, scheint uns von einer außer' ordentlichen historischen Kraft erfüllt zu sein. Der Blick auf die verschlungenen Wege unserer Geschichte ergreift uns mit eigen« tumlichtr Gewalt. Alte vergessene Ideen erwachen zu neuem Leben. Was die vorige Generation als Romantik empfunden hätte, wird uns zu einer neuen Wirklichkeit. Wir stehen vor unseren höchsten Feiertagen, vor dem Beginn eines neuen jüdischen Jahres. Die vorherrschenden Gefühle, mit denen wir dieses Jahr beginnen, werden die der Sorge sein. Dies aber darf nicht die Würde der jüdischen Seele ersticken. Es liegt so etwas wie Neilah'Stimmung über unserem heutigen Leben, und wir denken daran, daß Gedenkbücher, vor allem in den süddeut' sehen Gemeinden, vor Neilah gelesen zu werden pflegten. Die jüdische Geschichte unserer Tage hat die Farbe der Dämmerung. Aber wir sollen nicht vergessen, daß es eine Dämmerung gibt, auf die die Nacht folgt, und daß es eine Dämmerung gibt, auf die der Tag folgt. Wenn wir auch hier abbauen und liquidieren, wenn Gotteshauser, in denen Generationen gebetet haben, aufgegeben werden, so glauben Vir doch, daß unsere Zeit neben dem Zwang zum Abbau und zur Auflösung auch die Gnade des Aufbaus erfährt. Auch drüben in Erez Jisrael ist die bange Sorge 'und das Rätselraten um die Zukunft zur Begleiterscheinung des täglichen Lebens geworden. Aber es ist eine Sorge, die doch zutiefst das Eine Mahnung der „Jamim Noraim." Nicht in den Frühlingstagen, wenn die Natur zu neuem Leben erwacht und es auf den Fluren und in den Wäldern blüht und sproßt, auch nicht im Sommer, wenn die Tage am längsten sind und eine Fülle von Licht auf uns hcrnicderstranlt, sondern im Herbst, wenn die Tage bereits kürzer werden und wir Welken und Abster» ben, wohin wir auch blicken, beobachten können, begehen wir in Israel die „Jamim Noraim", die ehrfurchtgebietenden Feste, mit denen wir ein neues Jahr beginnen. Ich möchte meinen, daß diese Festtage, gerade weil wir sie im Herbst feiern, uns eine sehr bedeu* tungsvollc Mahnung nahezubringen im Stande sind, nämlich, daß wie in der Natur so auch im Leben der Menschen auf Blühen und Wachsen Welken und Absterben folgt. Ja, so mahnen uns die Feste der Teschuwa, der Rückkehr und Einkehr: Die Stunde bleibt nicht aus und der Augenblick bleibt uns nicht erspart, da unserem Vorwärtsdrängen und Vorwärtsstürmen ein Halt geboten wird, da auch diejenigen, die erfolgreich im Leben waren, einschen müssen, daß ihren Bemühungen eine Grenze gesetzt ist und daß all das. was sie m mühevoller Arbeit aufgebaut, der Vernichtung und Zer» Störung preisgegeben ist. Immer wieder, so oft wir in den Herbst» tagen die „Jamim Noraim" festlich begehen, klingt diese Botschaft von der Vergänglichkeit unserer Bemühungen an unser Ohr. Vcrgl. auch die Sätze in unserem Festgebetbuch, die sehr anschaulich diese Mahnung der chrfurchtgebietenden Festtage ins Licht stellen: „Der Mensch — sein Ursprung ist Staub und sein Ende ist Staub. Sein Lehen einsetzend gewinnt er sein Brot, er, der gleicht dem zerbro» chenen Scherben, dem trockenen Grase, der welkenden Blume, dem enteilvnclcn Schatten, der entschwindenden Wolke, dem verwehen» den I lauche, dem verfliegenden Staube, und wie eirt Traum flicht er dahin." Wir ließen uns aber, obwohl die Rede der Feste eine ein» dringliche ist, so oft nicht belehren und verharrten in unseren Irrtü» mern. Weil wir aber in diesen Irrtümern verharrten und meinten, daß wir mit unserer Tatkraft und Schaffenskraft alles verwirklichen können, was wir nur wollen, und daß auch Bestand und Dauer hat, was wir erarbeitet haben, hielten wir es auch für richtig, in unserer Tätigkeit keine Unterbrechung und keine Feierpausen eintreten zu lassen, damit wir ja nichts versäumen, konnten so viele von uns sich nicht einmal entschließen, an den Sabbaten und Festtagen sich einige Stunden frei zu machen und an den gemeinsamen gottes» dienstlichen Feiern in unseren Synagogen sich zu beteiligen, woüL» ten auch aus dem gleichen Grunde von den gemütvollen, Herz und Geist ganz wunderbar erfrischenden religiösen Familienfeiern an diesen festlichen Tagen nichts wissen; Man darf wohl sagen: Die Wissen in sich birgt, daß auf die Dämmerung ein neuer Tag folgen wird. Während wir hier im Aufbruch sind, schützen drüben starke Arme und heiße Herzen die Keime eines .neuen Lebens. Das Opfer der jüdischen Gesamtheit wird dafür zu sorgen haben, daß diese Keime nicht umsonst gelegt sind. Im Gottesdienst des Rosch* Haschanah-Festes wird mehrmals der $t: gesprochen: „Haiom haras olam — heute ist der Geburtstag der Welt". Wir Juden glau* ben, daß sich in diesem Jahr nicht nur die Welt, sondern auch der Wille zum jüdischen Leben und zur jüdischen Tat erneuert Aus dem Untergang alter Formen wächst das neue Leben. Tod und Geburt sind geheimnisvoll" verschwistert. Gleich dem Vogel Phöwix, der in dem alten Märchen sich siegreich wieder in die Lüfte emporhebt, wenn er zu Asche verbrannt ist, wird das jüdische Volk weiter unbeirrt-den schweren Pfad seiner Geschichte gehen. Es ist ein Gesetz dieser Geschichte, daß immer dann, wenn eine Stätte jüdischen Lebens zu existieren aufhört, an anderen Stellen der Keim zu neuem jüdischen Leben gelegt wird. Ein bleibendes] Zeichen für das, was unsere Geschichte ausmacht, wird das Sefer Sikaron in Jeruschalajim und Tel Sikaron, die Siedlung der Er' innerung, inmitten der Felder Erez Jisraels sein. \ Von Rabbiner Richter-Mannheim. Aus dem Reich. Einwanderung nach Chile. Das Chilenische Konsulat in Berlin weist darauf hin, daß alle direkten Anfragen und Anträge privater Personen an das Konsulat betrefffs der Einwanderung nach Chile zwecklos sind. Einreisevisa für Chile werden nur in besonderen seltenen Fällen erteilt, und das Konsulat berücksichtigt Anträge nur dann, wenn sie vom Hilfst verein der Juden in Deutschland bereits geprüft und besonders he» fürwortet sind. Deshalb müssen sich alle Interessenten in erster Reihe an den Hilfsverein wenden. Philo-Atlas, Handbuch für die jüdische Auswanderung nennt sich ein Nachschlagewerk, das die mannigfachen Tatsachen und Fragen, die den jüdischen Auswanderer hier und vor (allem draußen beschäftigten, erstmalig in einem Bande gemeinverständlich darstellt und demnächst in der Reihe der Philo Lexika erscheint (Philo G. m. b. H., Jüdischer Buchverlag und Buchvertrieb, Berlin W 15, Pariserstr. 44). Neunzehn vielfarbige, zu diesem Zweck eigens hergestellte Landkarten vorwiegend der überseeischen Länder bilden die Grundlage dieses Buches. Auf etwa 200 Textspalten, in mehr als 600 Stichwörtern — von Curacao bis Ozeanien, von Elektrizität bis Weltzeituhr, von Höhenkrankheit bis Trinkwasser, von Anfor» detung bis Zollverschluß — werden die Länder der Welt behandelt: Tage, die wir soeben durchleben, haben uns von unseren Irrtümern erlöst. Denn wir sehen ja heute, daß uns von alledem, was wir in mühevoller Arbeit aufgebaut haben, fast nichts übrig geblieben ist. Es ist unseren Händen all das entglitten, auf das wir mit Recht so stolz waren, weil wir unsere Erfolge nicht etwa einem glücklichen Zufall, sondern unserer ehrlichen Hände Arbeit zu danken hatten. Die Tragik, die in diesem allgemeinen Zusammenbruche sichtbar wird, ist gewiß furchtbar. Was hier sich vollzieht, wird gewiß ein späterer Geschichtsschreiber als eine der traurigsten Epochen der jüdischen Geschichte bezeichnen. Und doch scheint ein Sinn in diesen so schmerzlichen Ereignissen zu walten. Wir sollten uns endlich einmal von unseren Irrtümern frei machen und der 'Mah» nung der „Jamim Noraim" einen empfänglichen una autgeschlos* senen Sinn entgegenbringen, der Mahnung, daß es nicht nur ein Aufblühen und Wachsen sondern auch ein Welken und Absterben gibt, daß unsere schönsten und größten Schöpfungen und Unter»- nchmungen, denen wir unsere beste Zeit und unsere ganze Tatkraft gewidmet hatten, in Trümmer gehen können, daß wir daher um ihretwillen nicht etwa für ein ruheloses und gehetztes Leben entp scheiden sollten, daß wir daher nicht etwa um ihretwillen >die fest» liehen Stunden der Sabbate und der Festtage aus unserem Leben herauslösen dürfen. Vielleicht müssen wir •— diese Vermutung drängt sich uns auf — durch die harten Prüfungen unserer Tage hindurchschreiten, damit wir uns diese Erkenntnis zu eigen machen. Wir werden dank dieser Erkenntnis, das Schwere, das uns zu tragen auferlegt ist, leichter hinnehmen, weil wir in ihm einen Sinn zu entdecken im Stande sind. Dank dieser Erkenntnis wird auch unsere Bitte, mit der ,wir uns an den „Jamim Noraim" immer wieder zu unserem Gotte wen» den, Erhörung finden, dje Bitte, daß uns die Vorsehung unsere Lebenstage verlängere und uns auch die Kraft geben möge, das Leben fortzusetzen. Wir Verden auch angesichts der erschüttern* den Tatsache, daß so viele^ zusammenbricht, das wir aufgebaut ha» ben, nicht verzweifeln und\ nicht verzagen, weil wir auch in diesem katastrophalen Geschehen das göttliche Walten zu erkennen ver» mögen. Der ermutigende Zuruf des Engels, der in den Tagen des Patriarchen Abraham die Hagar in ihrer großen Not und Verzweif» lung aufgerichtet und getröstet hat, wie wir in dem Festabschnitte des ersten Neujahrstages lesen: „Was ist dir Hagar?'fürchte dichl nicht!", dieser ermutigende Zuruf des Engels wird auch an uns in den Bedrängnissen, die unseren Weg umschatten, seine beruhik gendc und tröstende Wirkung tun. Dr. Ernst Steckelmache r»Ludwigshafen Rh.