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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1938-07-01 · 11 (1.7.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
1 (1937 - 1938)
Issue
11 (1.7.1938)
Date
1938-07-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz Organ des Verbandes der israelia tischen Kultusgemeinden der Pfalz Herausgeber: Verband der israel. Kultusgemeinden der Pfalz, ^7 ^# Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Rcichsministers für Landau/Pfalz. Verlag: Heinrich Wildmann, Philippsburg. ^^^fcV Volksaufklärung und Propaganda betr. Ueberwachung der Verantwortlich f. d. Inhalt: Kurt Metzger, Landau, Glacisstr.9 \Z geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet Erscheint monatlich 1. Juli 1938 / n'SPn Höfl 2 BP 1 Jahrgang / Nr. 11 1878-1938. Gedanken zu einer diamantenen Hochzeit. Dieser Aufsatz, der vor kurzem im Isr Familienblatt erschien, knüpft an die diamantene Hochzeitsfeier des Ehe« paars Sally Rosenberg «Landau Betrachtungen allgemeiner Natur, die das Interesse unserer Leser finden dürften. 'Man sagte allenthalben in der Gemeinde, daß, solange man sich auch' zurückerinnere, keine diamantene Hochzeit gefeiert worden sei. Demzufolge nahm denn auch so ziemlich die ganze Ge< meinde Anteil an diesem Ereignis. Dabei muß man wohl einen (Augenblick anhalten und sich darauf besinnen, was das heißt: sechzig Jahre verheiratet zu sein, oder besser, vor sechzig Jahren Jcheiratet zu haben. Sechzig Jahre! 1878 und 1938! Diese zwei ahrcszahlen nebeneinandergestellt und in Gedanken ausgefüllt mit allem Geschehen, mit allen Veränderungen, ergibt phantastische Vorstellungen. In sechzig Jahren der steten Bewegung draußen, des Kommens und Gehens von Menschen und Dingen der tief« greifendsten Wandlungen, die sich, wie vielleicht kaum zuvor in der Geschichte in diesem Zeitraum von sechs Jahrzehnten zw sammendrängen. In diesen Jahren gehen zwei Menschen, Mann und Frau, jüdische Menschen, ihren gemeinsamen Lebensweg. Un» erschütterlich tund unverändert durch das Draußen, wenn auch keineswegs unberührt davon, man darf es glauben, dauert dieser Lebensbund durch die Zeiten. Ja, ich gestehe, je mehr ich mich gerade mit diesen beiden Jahreszahlen beschäftige tuid dann die beiden alten Menschen vor mir sehe, die dem,Leben noch völlig zugewandt sind, die jene phantastische Bahn durchlaufen haben, dann fühle ich Schauer der Erhabenheit, der Großartigkeit. Es scheint mir nicht möglich, dieses Lebenswunder so einfach und selbstverständlich zu nehmen, ich kann es nur fassen als eine be« sondere Gnade des Schicksals, als ein Geschenk des Himmels. Ein solcher Tag muß seine festliche Prägung' haben. Und er wird denn auch gefeiert, wie das bei Familienfesten im allgemeinen üblich ist, mit allem Drum und Dran, das des Interesses für den Außenstehenden entbehrt. Aber das Seltsame ist, wie sich aus der privaten Sphäre dieses im wahrsten Sinne des Wortes seltenen Tages Beziehungen 'zu unserem jüdischen Leben schlechthin herleiten. Sei es bei der Feier in der Synagoge, sei es bei der Unzahl von Be« suchen: immer und überall ist im Augenblick das Persönlichen« vatc abgelöst durch das Jüdisch»Allgemeine, unser Gegenwarts»1 Schicksal bricht durch mit all seiner elementaren Gewalt, und wer da meinen möchte, es geschähe doch wohl den beiden alten Leuten Unrecht, wenn an ihrem Ehrentage nicht nur sie selbst, sondern unser aller Sorgen und Mühen im Mittelpunkt stände, der irrt sich sehr, der weiß nichts von der Einfachheit und Selbstverständlich« keit, mit der diese alten Juden im Leben stehen, das für sie auch immer das Leben ihrer jüdischen Gemeinschaft' gewesen ist. Es ist ergreifend zu sehen und zu hören, mit welchem Interesse und mit welcher aktiven Teilnahme der Gang der verschiedenen Lebens» Schicksale aufgenommen wird, der den Besuchern nach den ersten Begrüßungsworten 'gleichsam aus den übervollen Herzen quillt. Und daneben steht die wunderbare Gelassenheit des Alters, die die Wellen der Erregung nicht mehr so hoch schlagen läßt, des hohen Alters, das, wie es scheint, schon nicht mehr ganz von dieser Welt ist, das ins Ueberzeitliche und Ewige blickt. Ist es nicht symbolisch — und doppelt symbolisch in einer Gemeinde, die in traditionell»religiösen Dingen immer sehr liberal gewesen ist —, wenn bei der synagogalen Feier nach dem Tora» aufruf ides Gefeierten und seines Sohnes und Schwiegersohnes, nach den schönen Worten des jugendlichen Rabbiners, ein fünf» zehnjähriger Jeschiwaschüler die Haftara sagt, mit ganzer Hin« gegebenheir in Stimme und Haltung? Und spricht es nicht für die Macht der Tradition auch in diesem Kreise, daß der Junge von allen beglückwünscht .wird, daß man sich der Anerkennung und des Bewunderns 'nicht genug tun kann? Aber ich sehe noch mehr. Für mich hat der Aufruf des dreiundachtzig jährigen Jubilars, der über vier Jahrzehnte an dieser Synagoge und in der Gemeinde ge» wirkt hat, und der Haftaravortrag des Fünfzehnjährigen in der traditionellen Weise etwas von der sinnfälligen Verbindung unter allen Gliedern und allen Generationen der Judenheit: Ende und neuer Anfang, ausgeträumter Traum und neue Wirklichkeit, Rück» kehr und Besinnung nach dem Hinausschweifen aus den eigenen Grenzen und ein Wundervolles noch, das machtvoll in diesem Augenblick mich ergreift: Alter undv: Jugend in ungebrochener Kontinuität, die herrliche Fortsetzung des Lebens, über allen Sorgen una allen Kummer der Tage hinweg. Der Kummer dieser Tage, der jüdischen Gegenwart, er prägt sich wahrhaft in jedem Einzelschicksal aus, das in diesen Stunden in mein Blickfeld tritt. Ich weiß, es wird vielerlei geklagt über unsere jüdischen Mitmenschen, nicht alle sind in gleichem Maße vom Ernst der Stunde durchdrungen und nicht alle entsprechen den Anfor» denmgen, die in dieser Zeit an den jüdischen Menschen gestellt werden. Mag dem immer' sein wie es wolle, so wird es mir doch zum stärksten Erlebnis, mit welcher Ruhe und menschlichen Würde diese Juden ihr Schicksal tragen, wie ungebrochen ihre Lebenskraft ist und mit welch ernster Entschlossenheit sie sich neuem Lebens» räum zuwenden. Ja, dergestalt sind die Gedanken und Stimmungen, die der festliche Tag hervorruft. Und immer wieder wird der Blick zurück« gelenkt zu dch beiden Alten, die dem allen noch zugewandt sind, die aber auch schon in einer gewissen fühlbaren Distanz zu allem leben. Aber wie stark kann unser Leben auch noch im hohen Alter über sich selbst hinaus wirken. Es ist ebenfalls ein Dreiundachtzig« jähriger, der beim Festakt in der Familie, im Angesicht des gesamten Gemeindevorstandes, die Grüße und Glückwünsche des Landes« Verbandes überbringt. Er tut das mit einer fast jugendlich zu neu» nenden Beschwingtheit, und es ruft wiederum die eigenartigsten Gefühle wach, wenn dieser Alte mit sichtlichem Stolz davon spricht, daß er selbst in zwei Jahren, so Gott will, mit seiner Lcbcnsge» fährtin das sechzigjährige Ehejubiläum feiern kann. Und dieser Dreiundachtzigjährige ist bis auf diesen-Tag unausgesetzt im Dienste seiner Gemeinde und des jüdischen Landesverbandes tätig, nimmt Sitzungen aller Art wahr, fährt mit der Bahn in die im Bereich des Landesverbandes liegenden Städte und Dörfer, um an der Ordnung der Verhältnisse teilzunehmen. Auf einem solchen Leben ruht wahrhaft der Segen Gottes, der Segen Gottes, der auch über dem Jubelpaar gewaltet hat und waltet. Sind sie doch beide, der Drei« undachtzigjährige und die Achrundachtzigjährige, jeden Schabbat, ob Sommer oder Winter, die ersten in der Synagoge, dürfen sie sich doch beide sagen, daß ihr Leben ein Leben der Mühe und der Arbeit gewesen ist. Die Achtundachtzigjährige steht heute noch fast ungebrochen ihrem Haushalt vor und die Töchter und Schwie« gertöchter, die sich nützlich machen wollen, müssen sich durchaus dem unwahrscheinlich festen Willen der Greisin beugen. Und was das Erstaunlichste ist, der Tag, der uns alle, die Kinder, Enkel und Verwandten, anstrengt in mannigfacher Hinsicht, er wird von dem „diamantenen" Paar in völliger Gleichmäßigkeit absolviert, beide sind am Tage danach genau so frisch wie sie es am Tage zuvor waren. So wird man mir glauben, wenn ich früher davon sprach, wie sich ein solcher Tag mit seinem Erlebnis aus der privaten Sphäre, in die er von Natur aus gehört, heraushebt. Sechzig Jahre eines gemeinsamen Lebenswegs jüdischer Menschen, beginnend und wach» send und sich vollendend: das ist symbolhaft. Wächst nicht aus dem Privaten das Allgemeine, ist nicht das ruhig und sachlich durch die Jahrzehnte sic.h abrollende Dasein der Menschen in ihrer tag» liehen Arbeit, mit ihren täglichen Sorgen und ihren kleinen Freu* den, mit den Hoffnungen, die auf die Kinder gesetzt werden, dem neuen Erdenwallen, das beginnt und sich entwickelt, den Enttäu» schungen, dem Leid, dem sorgsam gehüteten Pflichtenkreis, ist das alles nicht das eigentliche Abbild des Lebens? Weil'es doch wohl so ist, und weil in unseren Tagen und unseren Stunden unser Sinn sich mehr und inniger als je in den Kreis der Familie senkt, weil wir wieder fühlen und wissen, daß sie eine der kostbarsten Quellen unserer Kraft ist, um deswillen mag wohl die Spiegelung eines jüdischen Familientags im Gefühlsleben und in der Gcdan« kcnwelt eines Juden von heute auch über den engen Bezirk der Familie hin ausstrahlen. I Leo Liebschütz.

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