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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1938-02-01 · 6 (1.2.1938) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
1 (1937 - 1938)
Issue
6 (1.2.1938)
Date
1938-02-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Seite 3 amerika oder m einem erst am Anfang der industriellen Knrwick« lung stehenden Lande wie Columbien, ob innerhalb einer in jeder Richtung ausgebildeten jüdischen Gemeinschaft wie in Palästina oder innerhalb einer fast judenfreien Umgebung wie etwa in Ecua* dor, ob er auf die Großstadt mit ihrem konzentrierten Rhythmus oder auf das flache Land abgestellt ist Gerade unter diesen Gesichtspunkten besitzt die Berufswahl für Palästina ihren eigentümlichen Gehalt. Der Auswanderer jeder Nationalität, der nicht aus Freude am Abenteuer sondern aus hartem Existenzdruck hinausgetrieben wird, lenkt seine Schritte stets dahin, wo er berufliche und menschliche Ansatzpunkte findet. Das gilt in erhöhtem Maße von dem jugend« liehen Auswanderer, der den Weg allein in die fremde Welt über* haupt nur antreten kann und darf, wenn er ihn zu solchen festen Stützpunkten hin richten kann, wenn er menschlich und in seiner Arbeit Wurzel schlagen kann, weil insbesondere der junge, in seiner bisherigen Arbeit verwurzelte Mensch nur leben kann, wenn er „bodenständig" werden kann. Die Aussicht, bodenständig zu werden, eine Heimat zu finden, hat der junge Mensch vor allem in Palästina. Hier allein kann er auch seine nationale Frage als Jude lösen, braucht er \sich nicht fremdem Volkstum anzupassen, sondern kann zu seinem eigenen Volke zurückkehren. Hier wartet auf ihn eine Gemeinschaft von gleichem historischem und 'religiösem Schicksal, hier ist er kein Fremder, sondern ein heimkehrender Sohn des Volkes. Es emp* fängt ihn eine Gemeinschaft, in deren Mitte er leben kann, schnell eingeordnet in engere Kreise, die ihm das Gefühl nehmen, allein zu sein. Sein persönlicher Einsatz dient nicht allein der Lösung seiner Existenzfrage, sondern, am richtigen Ort, zugleich der Schaf* fung neuer Lebensmöglichkeiten für sein Volk. Die Entscheidung für Palästina bedeutet aber auch, Entbeh* rungen auf sich zu nehmen, auf manches zu verzichten, was andere Länder besonders auf wirtschaftlichem Gebiet vielleicht einzelnen geben können. Die politische Lage in Palästina ist im Augenblick ungeklärt, die Gefahr der Arbeitslosigkeit besteht, ohne daß ein ausgebautes System sozialer Fürsorge vorhanden ist. Dabei muß man sich aber immer vor Augen halten, daß gleiche oder ähnliche Gefah* ren auch für alle anderen Länder bestehen. Die Entscheidung für oder gegen Palästina ist also eine schwierige Abwägung zwischen nationalen, psychologischen und Gemeinschaftswerten einerseits und wirtschaftlichen Erwägungen andererseits. Gerade die }unge Gene* ration darf bei ihrer Entscheidung nicht den Fehler eines großen Teiles der älteren wiederholen, die ihr ganzes Leben unter die Vor* herrschaft der wirtschaftlichen Ziele gestellt und dabei — besonders in Augenblicken der Umwälzung — den Sinn ihres Lebens ver* fehlt haben. Neben der Entscheidung des Auswanderungslandes muß die Frage Handarbeit oder Kopfarbeit, wie man sie in einer unzulässigen Vereinfachung formuliert, geklärt werden. Auf Grund unserer be* ruflichen Tradition oder auch aus sozialen Aufstiegswünschen wird auch heute noch viel zu oft der handarbeitende Beruf abgelehnt' Aber selbst wenn wir alle Wünsche auf eine Aendcrung der beruf» liehen Schichtung der Juden außer Acht lassen dürften, zwingen uns doch eine große Reihe von wichtigen Erwägungen zur Betonung der Handarbeit. a) Die Ausbildungsmöglichkeitcn für intellektuelle Berufe stehen uns in Deutschland nur in sehr beschränktem Umfange und für solche Berufe zur Verfügung, die auf eine Tätigkeit innerhalb der jüdischen Bevölkerung abgestellt sind wie Rabbiner, Lehrer, Kindergärtnerinnen. Die Ausbildung zu den akademischen Berufen ist für Juden in Deutschland so gut wie unmöglich, sie kann daher nur im Auslande stattfinden. Wer sich für einen solchen Weg ent» scheidet, der muß sich darüber klar sein, daß nur bei höchster Be* gabung die Opfer zu rechtfertigen sind, die ein Auslandsstudium auferlegt, und daß auch dfle Aussichten eines Akademikers mit ausländischer oder ohne Staatsangehörigkeit in jedem Lande nicht groß sind-'. b) Die Einreise* u. arbeitsrechtlichen Bestimmungen der meisten Einwanderungsländer — mit «Ausnahme der Vereinigten Staaten von Nordamerika — bevorzugen handarbeitende Einwanderer und schließen oft genug Kauflcute und Akademiker von der Einwände* rung völlig aus. Auch in den Vereinigten Staaten haben Einwan« derer mit handwerklicher Ausbildung bessere Berufsaussichten als manche Gruppen von Akademikern und Kaufleuten. c) Die berufliche Zusammensetzung der jungen jüdischen Aus» wanderer aus Deutschland, die nicht nach Palästina gegangen sind, und die sich' in ihren Einwanderungsländern eingeordnet haben, entsprach zwar weitgehend auch nicht der Forderung nach Hand» arbeitern. Aber abgesehen davon, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil von ihnen dann nach der Einwanderung die Umschichtung zur Handarbeit vornehmen mußte, viele als* I lausicrcr und fliegende Händler,.„von der Hand in den Mund" leben, haben von den mittel» losen Einwanderern im wesentlichen nur solche Arbeitsmöglichkcifcn gefunden, die über Spezialkenntnisse und wertvolle Erfahrungen verfügten. Diese Spezialkenntnisse kann aber die junge jüdische Generation in Deutschland jetzt kaum noch erwerben, sodaß sie auch dieser Umstand Stärker auf idie Handarbeit hinweist. Auf Grund dieser Ucbcrlcgungen muß für den größeren Teil unserer Jugend die Empfehlung handarbeitender Berufe ausgespro* chen werden, die kaufmännischen und intellektuellen Berufe, die noch in Frage kommen, sollen den hierfür überdurchschnittlich) Begabten vorbehalten bleiben, die außerdem über besonders umfang* reiche Sprachkenntnisse verfügen. In unmittelbarem Zusammenhang damit steht die Frage nach der Art und Dauer der Schulbildung, die der Berufsausbildung vor* angehen soll. In dieser Beziehung können natürlich nur Mindest* forderungen und keine für alle geltenden Vorschläge aufgestellt werden. Danach muß eine mindestens 9 Jahre dauernde, auf einen Abschluß gerichtete Grundschulbildung gefordert werden. Zu der achtklassigen Grundschule soll also noch ein neuntes Schuljahr kommen, in dem die Grundlagen einer Fremdsprache und eine Ver* tiefung der judcntumskundlichcn Fächer gegeben werden sollen. * Aus dem Reich. Warnung an Auswanderer. Der Hilfrve-c'r! der Judfn in Deutschland giM folgendes be* kannt: y In letzter Zeit mehren sich die Fälle, in denen Auswanderer dadurch schweren Schaden erleiden, daß sie es versäumt haben, sich rechtzeitig an sachkundiger Stelle zu informieren. Dies führt sehr leicht zur Außerachtlassung wichtiger gesetzlicher Formalitäten, die zur Erteilung eines Visums vom Einwandcrungslandc gefordert wAden, und somit mindestens zu Zeit* und Geldverlusten für den Auswanderungswilligen. Häufig werden aber auch bei der Einwan* rung selbst in Unkenntnis der Zollvorschriften oder der Wirtschaft* liehen Verhältnisse im Einwanderungslande Fehler begangen, die den Einwanderer außerordentlich teuer zu stehen kommen. Aus solchen Gründen liegt es im dringendsten Interesse des Auswande* rers selbst, sich bei den zuständigen Beratungsstellen des Hills* Vereins sorgfältig vor seiner Ausreise zu erkundigen, und zwar gerade auch dann, wenn er eine finanzielle Hille nicht benötigt. Die Berater des Hilfsvereins verfügen über eine Fülle von Infor* mationen, die für jeden Auswanderer von Wert sind. In letzter Zeit mehren sich die Fälle, in denen Auswanderer nach verschiedenen Ländern, wie zum Beispiel Neuseeland, , aus» reisen, ohne ein regelrechtes Einwanderungsvisum bzw. eine Lan» dungserlaubnis zu besitzen. Die Betreffenden verschaffen sich vielmehr ein bloßes Touristenvisum und hoffen, dann im Ein» Wanderungslande die Erlaubnis zur dauernden Niederlassung erwir* ken zu können. Eine solche Umwandlung von Touristenvisen in Einwanderungsvisen ist aber nur in den seltensten Fällen möglich;, im allgemeinen bringt jede derartige Einwanderung ohne regu* läres Einwanderungsvisum die Gefahr späterer Ausweisung mit sich und gefährdet außerdem das Ansehen der jüdischen Ein* Wanderung, bei den Behörden des Landes. — Im Hinblick auf die schweren Schäden, die der jüdischen Gesamtheit durch die söge* nannte Touristcn»Einwandcrung in verschiedenen überseeischen Ländern bereits erwachsen sind, warnt der Hilfsvcrein nachdrück* lieh vor jedem derartigen Unterfangen und lehnt seinerseits selbst* verständlich jede Unterstützung derartiger Reisen ab. Ferner macht der Hilfsvcrein darauf aufmerksam, daß die aus* ländischen jüdischen Hilfskomitees darüber klagen, daß an sie häufig das Ansinnen gestellt wird, für die Folgen unüberlegter Auswanderung durch Gclduntcrstützung oder dergleichen ein* zustehen. Die Hilfskomitees lehnen es grundsätzlich ab, solche Hilfe zu gewähren. Es wird deshalb ausdrücklich darauf hinge* wiesen, daß die Vorbereitung jeder beabsichtigten Auswanderung nach den nichtpalästincnsischcn Ländern durch die für die Heimat* gemeinde des Auswanderers zuständige Beratungsstelle des Hills* Vereins durchgeführt werden muß. 13. Februar: Eintopfsonntag!

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