Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 2 (6.10.1937)
- Date
- 1937-10-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR. DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Seite 3 daß man ihnen nicht zumuten kann sich in einem Gemeindesaal, in einem sehr bestimmten Kreis nun Kunst nur von Juden für Juden sich vermitteln zu lassen. Sollten aber nicht gerade diese Menschen endlich, wie der jüd. Künstler,die gleiche Begeisterung aufbringen und mit Stolz erkennen, daß in unserer Notzeit über* haupt die Möglichkeit besteht einer vielfältigen künstlerischen Be» tätigung? Es ist Zeit, daß auch ,der letzte Jude diesen inneren Groll überwindet und voll Dankbarkeit und innerer Zufriedenheit anerkennt, was Leistung und Wille vollbracht hat und vollbringt. Das soziale Moment. Müssen wir abo das soziale Moment berücksichtigen so ergibt sich daraus, daß bei den Veranstaltungen im Kulturbund nicht immer der eigene Geschmack oder der Publikumsschlager bei der Wahl des Programmes maßgebend sein darf, sondern, daß eben das soziale Moment im Vordergrund steht. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, daß ein ernster Rezitationsabend »oder Kammermusik nicht jedem Legt. Es ist ein sehr eingebildetes Vorurteil zu glauben, daß ein Streichquartett beispielsweise mangels eigener musikalischer Begabung oder eigenen musikalischen Verständnisses nichts geben könne. Welches Herz wird sich nicht aufschließen, wenn Musik in Vollendung ertönt, und wer wird in der Stunde nicht losge* löst sein von der Schwere des Alltags und doch etwas mitnehmen? Die bekannte jüdische Kulturbundsängerin Paula Salomon'Lindberg erzählt eine so Uberzeugende Begebenheit von ihren Konzertreisen durch das ganze Reich, daß sie;verdient hier zitiert zu werden: „Eine kleine Stadt, ein kleiner Kulturbund. Sommerhitze, schlechtes Klavier. Ueber die Hälfte des Publikums ostjüdische Arbeiter. Trotz drückender Atmosphäre im Saal gesteigerte Anteilnahme des Publikums, die sich beim Vortrag jüd. Volkslieder zu einem Mit* summen verdichtet. Die Honoratioren versuchen dies durch Gesten zu unterbinden. Aber eine rostige Stimme beharrt mit mir, wenn auch atonal, um die Wette zu singen. Nach Schluß des Abends steht jemand verlegen an der Tür des Künstlerzimmers und anl wortet auf meine Frage, ob er ein Anliegen habe: „Der Rebbe hat gesagt, ich solle mich entschuldigen bei Ihnen — ich wollte nicht mitsingen, aber Ihnen kann man nicht widerstehen." In dieser kleinen Episode liegt der Kern des ganzen Problems. Aus« gehend von der Begriffsbestimmung der Kunst als Schwester der Religion war es in diesem Falle höchste Erfüllung eines Wollens, ähnlich wie der (Vorsänger im Gotteshaus, Mitder zwischen Gott und dem Menschen, diesen zu zwingen 'sich der Musik hinzu« geben. Es darf für den Ausübenden weder eine Rolle spielen ob Männer oder Frauen, Alte oder Jugend, Zionisten oder Nicnt« zionisten, Provinz« oder Großstadtmenschen das Publikum aus* machen und es darf ebenso für den Empfangenden keine Rolle spielen was ihm geboten wird, wichtig ist immer nur, daß in der besonderen Atmosphäre der jüd. Kulturbünde eine Verwandlung stattfindet; der alte Mensch allein gelassen, vergrämt, wird stufen« weise aus seiner Vereinzelnung zur (Anteilnahme geweckt. Die Jugend, skeptisch, kühl, abwartend, läßt ab von ihrer objektiven Einstellung, läßt sich begeistern. Die Zionisten, die nur jüdische1 Musik wollen, müssen die Gewalt einer klassischen Arie bejubeln und die Nichtzionisten eine Horrah als Zugabe verlangen. Das Publikum hat sich für den Ausübenden, aufzulösen in eine Vielzahl von Individuen, von denen jedes angerührt werden muß von einem großen alltagsfernen Erlebnis. — r Die Programmgestaltung. Die Programmgestaltung ist aber auch noch nach anderer Rieh« tung begrenzt. — Die Programme unterstehen selbstverständlich der ständigen Kontrolle, sie sollen in einer bestimmten Form gehalten sein, sie sind auch textlich beispielsweise zensiert und müssen für das ganze Reich verwendbar sein. — Ein eingereichtes Programm wird unter einem bestimmten Aktenzeichen genehmigt und der Künstler muß nun mit diesem genehmigten Programm seine Tourneen zusammenstellen. — Dieses einmal genehmigte Programm läßt also keinerlei Abänderungen zu und muß von jedem Kulturbund abgenommen werden, auch wenn es einmal nicht ganz dem örtlichen Geschmack entsprechen sollte. — Schließlich muß aber auch das Programm eines jüdischen Kul« turbundes unserer Zeit würdig sein. — Wir haben nicht das Recht leichtfertig in den Tag hineinzuleben, 'wir sind es unserer Zeit schuldig, daß die Programmgestaltung in bestimmten Grenzen gc* halten wird. Es kommt uns gar nicht zu lediglich ein Programm aufzustellen, das uns für eine oder zwei' Stunden unterhält, nein, das Programm, das ein Kulturbund aufstellt, muß eine gewisse Tendenz haben, muß in sich tragen die Verpflichtung, das Publikum bekannt zu machen mit jüdischen Kunstwerken lauf allen Ge« bieten:- — Das Programm muß deshalb neben altsynagogalcn Mclo» dien beispielsweise die Vermittlung jüdischer Komponisten der Neuzeit enthalten, es muß uns von berufener Seite einführen m jüdische Literatur, es muß Lieder«Abende jüdischen Inhalts, jüd. Volkslieder usw. bringen. — Es ist die Forderung der Aufsichts« behörde, daß die Programmgestaltung der jüdischen Kulturbünde judaisiert wird, daß sie mehr und mehr losgelöst vom deutschen Kulturgut zu einer jüdischen Kultur hinführt. Wir sind natürlich auch in dieser Beziehung von den bestehenden Bestimmungen abhängig, weil, wie bereits erwähnt, ja jedes Programm genehmigt sein muß. — Wir müssen uns aber darüber klar sein, daß jüd. Theater, jüd. Musik etc. nun nicht etwa auf Bestellung fabriziert werden kann. Große Werke entstehen immer aus sich selbst heraus, wachsen irgendwo und irgenwann, wenn ihre Zeit gekommen ist. Wir müssen uns hüten vor sogenannten „Konjunktur« Rittern", die nun glauben durch ihre „Auch'Kunst" jüdische Kulturgüter zu machen. Wenn man beispielsweise den Versuch gemacht hat ein palästinensisches Hirtenlied seiner Einfachheit und bezaubern« den Schlichtheit zu berauben, indem man es schrieb für Chor und großes Orchester, so s^nd das» wirklich Machwerke, vor denen wir uns hüten müssen. — Wir werden uns nicht frei machen können und wollen von den Kulturgütern, die uns unser Heimatland gegeben hat, dazu sind wir durch Schule, durch Erziehung, durch Milieu und Landschaft viel zu sehr damit verwachsen. Wir werden bestrebt sein müssen die richtige Paarung zu finden zwischen der Vermittlung deutscher und spez. jüdischer Kulturgüter. Die Reichstagung der Kulturbünde hat sich im letzten Jahre eingehend mit diesen Problemen befassen müssen, es ist dabei viel gefordert worden, viel übers Ziel geschossen worden, man hat nun plötzlich nicht nur alles ins Jüdische übertrafen wollen, nein man hat auch allen Ernstes verlangt Theater bei« spielsweisc nur noch in hebräischer Sprache zu spielen. Mit dem Wollen allein ist es aber auch hier nicht getan, so stark der Wille sein mag und aus so edlen Motiven dieser Wille auch kommen mag, letzten Endes wird immer maßgebend bleiben müssen, das Können. Nietzsche sagt: „Kunst kommt von können — käme es von wollen — hieße es Wullst". Die Möglichkeiten in der Programmgestaltung sind zwar bc» grenzt, aber doch so vielseitig, daß sie jedem etwas brangen können. Die Programmgestaltung kann den Richtlinien entsprechen, kann abwechslungsreich sein und sich unter Wahrung der Würde gewiß dem seither Gebotenen lOOprozentig anreihen. Dabei ist von ausschlaggebender Bedeutung für die Weiter« arbeit überhaupt die Finanzierung. Kulturinstitute haben sich in allen Zeiten noch nie aus sich selbst finanziert, waren immer auf Subventionen angewiesen. — Man hat aber auch in allen Zeiten die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Erhaltung solcher Kultur« mstitute erkannt. — Warum sollte dies gerade bei uns anders sein? — Etwa, weil wir in Notzeiten leben? — Gerade in Nötzeiten müssen diese Einrichtungen erhalten bleiben, sind sie so notwendig, wie das tägliche Brot. — Zu der Winterhilfe, die unsere Glaubens» genossen vor äußerster Not schützen* soll und muß, muß diese seelische Winterhilfe treten, die uns immer wieder über das Schwere des Alltags erheben soll, uns so die Kraft geben muß, den Wider« wärligkeiten unserer Zeit Stand zu halten. — Die Finanzierung und damit die Aufrechterhaltung des Kult|>rbundbetriebes ist nur mög« lieh, wenn alle Gemeindcmitglicder ausnahmslos hinter ihrem Kulturbund stehen, nur bei einer treuesten Gefolgschaft Aller kann der Betrieb erhalten bleiben. Alle mittleren und kleineren Kulturbünde im ganzen Reich haben die gleichen Kämpfe um die Erhaltung auszutragen, alle Kulturbünde bieten aber auch das Mcn« schenmöglichstc auf, um sich dieses Kulturgut solange als irgend« möglich zu erhalten. — Ein großer Dichter sagt einmal: „Eine der schönsten Tugenden des Menschen Ist die Begeisterung, eines der größten Laster aber/der Skeptizismus und Pessimismus". — Erhalten wir uns die Begeisterung, die Lebensbejahung, dann werden wir uns auch wei« terhin an den Veranstaltungen unseres Kulturbundes kräftigen, erholen und erfreuen können. — \