Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1914
- Issue
- 33 (4.1914)
- Date
- 1914-04-01
- Page
- Seite 509 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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509 schneidung an sich vollzogen. — Schon waren von der -reißigtägigen Frist fünfundzwanzig Tage verflossen, da sprach Domitilla zu ihrem Gatten: „Du mußt die Juden retten, mein Clemens, ehe es zu spät ist. Nur noch fünf Tage, und der Senat wird den Beschluß des Kaisers bestätigen, und dann wird unsägliches Elend über das Volk Gottes Hereinbrechen!" „Was soll ich tun, mein geliebtes Weib? Ich bin ganz ratlos". „Mein teurer Gemahl, Geliebter meines Herzens, es ist in Deiner Hand, wenigstens einen Aufschub zu erlangen. Siehe, was ist dieses Leben voll Angst und Trauer und Kummer? Im Jenseits aber hat der all- •giitige Gott die Fülle der Seligkeit bereitet für seine Frommen. — Siehe, Du bist nach dem Kaiser der erste Würdenträger dieses Reiches. Der Wille des römischen Volkes hat Dich mit dem Konsulate bekleidet. Wenn Du sterben würdest, so müßte erst ein anderer Konsul gewählt werden, ehe der Senat einen gültigen Beschluß zu fassen vermöchte. Du weißt, daß die Vorbereitungen zur Wahl eines Konsuls lange Zeit erfordern. In dieser Zeit kann sich Vieles ereignen und dem jüdischen Volke Rettung kommen. Deßhalb bitte ich Dich, gehe zum Kaiser und gestehe ihm, daß Du bereits zum Judentums übergetreten bist. Er wird Dich zum Tode verurteilen und hinrichten lassen. Aus deinem Blute wird dem jüdischen Volke die Rettung erwachsen." „Domitilla, was verlangst Du von mir! Nur um einen Aufschub zu erlangen, soll ich meinVeben opfern?" „O, mein Geliebter, wenn es in meiner Macht stünde, wie gern würde ich mein Leben hingeben für so heiligen Zweck! Was bietet uns denn dieses Leben anderes als Schmerz und Kummer seit dem Tage, da der Tod die Lieblinge unseres Herzens dahingerafft hat; seit dem Tage, da mein Oheim auf dem Throne ein blutiges Ungeheuer geworden ist? O, mein Clemens, ich preise Dich glücklich, daß es Dir vergönnt ist, durch eine aufopferungsvolle Tat das ewige Leben zu erreichen". „Und wie soll ich das Los einer schimpflichen Hinrichtung ertragen?" „Nimm diesen Ring, mein Geliebter. In der Kapsel desselben befinden sich einige Gifttropfen, die sofort tötlich wirken, nachdem sie genommen worden sind. Du hast nun