Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Volksbote · 1914-02-01 · 32 (2.1914) · p. Seite 481

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1914
Issue
32 (2.1914)
Date
1914-02-01
Page
Seite 481 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4903180-5965947-5965989--692-4903830
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

481 gärten, nuf den SkifeldcrnZu den Bergen möglichst zu genießen. Auch der Jude, dem die Pflege der Gesundheit ein sittliches Gebot, der im Übrigen ober einer übertriebenen Körperbilduna auf Kosten des Geistes abhold ist, kennt sie, die Winterfreude, jene stille, erhebende und hoch beglückende Freude, die einen Teil seines Wesens, einen Grundzug seiner Religion bildet. Mitten im Winter, da der Schnee wie ein Leichentuch noch die Natur bedeckt und Feld und Flur, allen Schmuckes entblößt, öde und verlassen daliegen, die Bäume nackt und leer und gesenkten Hauptes wie von blühender Vergangenheit, glorreicher Zukunft träumen, da lächelt ein Strahl, ein einziger, leuchtender Sonnenstrahl' über die nackten, kahlen Fluren, durch hie dürren, grauen Acste, glitzerndes Gold über die weiße Decke gießend» Und er leuchtet und lächelt, dieser Sonnenstrahl, in das jüdische ^Gotteshaus hinein, wo Trauer gebannt, Freude geweckt wird, und das ernste, schwermütige, leideriüllte Tachnungebet verstummt. Er stiehlt sich auch, dieser Strahl, in das jüdische Herz hinein, wie ein holder Gruß aus blühenden, duftenden Gefilden, wie frohe Botschaft und Trostesschiminer. Und initten in winterlicher Lede und Kälte ähnen wir das wundersame Weben und Werden, das große Erleben! der Natur, dort unten, tief unter der starren Erdenkruste, wo die Kunie Kraft sammeln, wo die Bäume ihre Wurzeln ausbreiten, wo es summt und brummt und surrt und singt und sich alles vorbereitet für! das große Frühlingserwachen Denn Kinder der Natur sind auch, wir, insofern uns die Natur als ein Teil des göttlichen Universunis erscheint, insofern sie mit ihren Zeichen und Wundern, mit ihren unzähligen Lebewesen und Pflanzen uns zum Einstimmen in das große harmonische Loblied zu Ehren Gottes anffordcrt, zum Aufwärtsblicken, zum Börwärtsschreiten... »Denn der Mensch ist ei» Baum des Feldes"; mvn cun :. Der göttliche Führer war es, der dieses große Wort sprach, zu einer Zeit, als ein Volk aus der Gefangenschaft sich zu Licht und Freiheit emporrang, nach kalter, langer und banger Winternacht, einem verheißungsvollen Frühling entgegenging, aus jliebloser Fremde in die alte Heimat der Väter zog; damals sagte man dem aufstrebenden und vorwärtsschreitenden Volke: »Schone das keimende Leben in der Natur, in der Pflanzenwelt; das, was aus dunkler Erde hervor, dem Sonnenlichte entgegenstrebt, denn der Mensch — er ist ein Baum des Feldes Und die Wanderschaft dauert fort, der Ringkampf Jakob-Israels, oft mit un- und übernatürlichen Mächten, hörte nicht auf. Es wechselten Licht und Finsternis, Sonitenschein und wütender Sturm, eisige Winterftarre und holder Frühling im Leben Israels; als Teil der Menschheit, der Welt, des Universums, lernte es aber von den Bäumen im Felde, von den Pflanzen und Blumen im Garten; es lernte hoffen und harren und zur kalten Winterzeit im Verborgenen Kräfte sammeln und tapfer standhalten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.