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Jüdischer Volksbote · 1913-10-01 · 30 (10.1913) · p. Seite 438

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1913
Issue
30 (10.1913)
Date
1913-10-01
Page
Seite 438 (sequence 4)
Language
German
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438 Freude an Gott, sie ist eure Zuversicht". Wie sollen wir es uns nun erklären, daß m auf der einen Seite als der Tag des Emstes gilt, an dem die ftöhlichen Lieder verstummen muffen, daß er aber dennoch zugleich ein freudiges Gefühl in uns erwecken soll? Nun, daß der Eintritt eines solchen Tages ernste Gedanken in uns wachruft, daS wird »ns leicht begreiflich fein. Ist ja m der rin ov, der Tag des Gerichts, und wen würde nicht ein heiliger Schauer ergreifen bei dem Gedanken, daß er vor dem göttlichen Richter erscheinen soll, daß alle seine Handlungen vor dem prüfenden Auge des Weltenkönigs gewürdigt werden sollen? Wer würde nicht erzittern, wen» ihm die ganze Bedeutung dieses göttlichen Gerichts klar vor die Seele tritt? Als Rabbi Jochanan auf dem Sterbebette lag, erzählt der Talmud, und die Schüler um ihn versammelt waren, da sahen sie, daß, in den Augen des Meisters Thränen erglänzten. Und sie ftagten ihn: .Warum weinst Du, unser Lehrer? Braucht es Dir, einem der Größten in Israel, vor dem Tode zu bangen?" .Ach, erwiderte er, wenn man mich vor einm irdischen König rufen würde, der heute hier, morgen vielleicht im Grabe ist, deffen Zorn kein ewiger und dessen Sttafen keine ewigen sind, der, ein wandelbarer Mensch, sich leicht umstimmen und leicht beeinflussen läßt, würde ich da nicht in Sorge sein? Um wie viel mehrs, da ich vor Gott erscheinen muß, dem allgewaltigen, ewigen und unbestechlichen Weltenrichter!" Aber wenn auch die meisten Menschen ein Gefühl der Beklemmung empfinden, wenn sie sich vor dem irdischen Richter zu verantworten haben, die Tragweite des göttlichen Gerichts kommt den wenigsten so recht zum Bewußtsein, denn dort gilt es das Vermögen, die Ehre, die soziale Stellung, lauter Dinge, deren Wett man nur allzu gut zu schätzen weiß. Daß eS aber bei dem göttlichen Urteil sich nicht nur um diese vergänglichen Güter allein — denn auch ffe werden uns ja aus der Hand Gottes zuteil — daß es sich auch um das ewige Heil der Seele handelt, das vergißt man nur zu leicht. Und während die Menschen nur über Taten zu ttchten vermögen, urteilt Gott auch über unsere Gesinnung, über die geheimsten Regungen unseres Innern. Und darum darf wohl bange Furcht uns beschleichen, ob wir in diesem Gericht bestehen können. —!- Und ist nicht die Jahreswende an sich schon für uns ein Anlaß zu ernster Selbstprüfung? Wenn der Mensch nicht gedankenlos durchs Leben wandelt, dann möchte er doch auch wiffen, wofür er gelebt hat. Die meisten Menschen allerdings wissen das sehr genau: sie leben, um zu genießen, und ihr Streben ist darauf gerichtet, die Mittel zu erlangen für diesen Genuß, sich ein sorgenfreies Dasein, eine gesicherte Existenz, wie sie es neunen, zu verschaffen, äußere Ehren zu gewinnen. Aber es gibt doch auch Menschen, die an noch anderes denken, die ein höheres Ziel im Auge haben, und wenn sie sich die Frage vorlegen: Habe ich in diesem Jahre denn auch wirklich etwas Bleibendes geschaffen? Habe ich Angenommen an Thorawissen, an guten Eigenschaften, an Reichtum des Herzens und des Gemütes? Dann werden f

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