Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1913
- Issue
- 27 (4.1913)
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 389 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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389 — Die Flavianer sind Emporkömmlinge. Vespasianus war von niederer Herkunft; er stammte aus Reate im Sabinerlande. Die kleinstädtischen Anschauungen des Gründers der Dynastie hasten auch seinem jüngeren Sohne, dem jetzigen Kaiser, an. Sein Ideal ist, die alten Zustände der Republik in Religion und Sitte wieder herzustellen, in Religion und Sitte, die er selbst täglich verachtet und täglich verletzt. Er hat sich zum Gott erklären lassen und bestraft jedes tadelnde Wort, welches ihm hinterbracht wird, als Gotteslästerung mit dem Tode. Trotzdem bestraft er eben so hart die Vernachlässigung der alten Götter, während er seine Schmeichler ermuntert, seine Vorgänger in der Kaiserwürde, die doch auch zu Göttern erllärt waren, ja, selbst seinen Vater und Bruder, zu verhöhnen und zu verspotten. Was nun die Sitte betrifft so hat er sich geweigert, die Julia, die einzige Tochter des Titus zum Weibe zu nehmen, weil ein altrömisches Gesetz es verbietet, die Brudertochter zu freien, ein Gesetz, welches unter Claudius aufgehoben worden ist. Als aber Titus gestorben und Domitian Kaiser geworden war, da ließ er den Gatten der Julia töten und trat mit der Brudertochter, die er als Gattin verschmäht hatte, in ein unerlaubtes Verhältnis. Seine eigene Gemahlin, Dumitia war die Gattin eines Andern; er verführte sie und zwang den Gatten zur Scheidung. Dies Alles hindert ihn nicht, beim Volke die Vergehen gegen die gute Sitte auf das Strengste zu bestrafen; hat er doch unlängst eine Vestalin lebendig einmauern lassen, trotzdem, dieselbe ihre Unschuld beteuerte. — Ihr wißt, meine Lehrer, daß die Mehrzahl der Bevölkerung Roms von einer Uesen Abneigung, von einem unüberwindlichen Ekel gegen die alten Götter erfaßt ist. Viele haben sich dem Götzendienst der Aegypter zugewendet; aber auch der ewigen Wahrheit, die das Judentum lehrt, haben sich die Herzen vieler vornehmer Bürger erschlossen. Die letztere Taffache ist dem Kaiser ein Greuel. Wo jemand der Hinneigung zum Judentum beschuldigt wird, läßt er Tod oder Verbannung decretieren. Trotzdem ist es chm nicht gelungen, die Herzen zu bezwingen; trotz zahlreicher Hinrichtungen wenden sich immer mehr vornehme Römer dem Judentums zu. Unter ihnen nimmt Flavius Clemens den ersten Rang ein; er ist ein Sohn des Sabinus, des einzigen Bruders Bespasians; seine Frau, Domitilla, ist eine Schwestertochter der Kaisers Titus und Domitian." (Fortsetzung folgt.) » tUfj', . .