Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 25 (11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 349 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- 349 — »„Hast Du kein Kind,"* fragte Rabbi Akiba, „„dem Du Dein Vermögen hinterlassen wirst?" „Ich hatte ein Tochtert" antwortete der alte Mann, „aber sie hat gegen meinen Willen einen armen, unwissenden Hirten geheiratet^; da habe ich gelobt, sie zu enterben."? „„Und wenn," fragve der Rabbi, „„jener arme Hirte ein Gelehrter geworden wäre,, und wenn Du gewußt hättest, daß er ein solcher werden würde, hättest Du damals Dich durch jenes Gelübde gebunden?" „Es war weniger die Armut des Mannes, die mich erzürnte, als seine Unwissenheit; er konnte nicht einmal lesen und schreiben." „.Und wenn er spätes ein Mann geworden wäre, dessen Wissen die Welt Ayerkennung zollt, wenn er geworden wäre wie ich?" „O, wie glücklich würde ich mich schätzen, wenn meiner Tochter Wahl auf einen Mann, wie Du bist, gefallen wäre!" „Mein Vater, mein Name ist Akiba den Joseph; ich stand ehemals als Hirte in Deinen Diensten, und Deine Tochter Rahel ist mein geliebtes Weib!" Da erhob" Kalba Sabua seine Stimme und weinte. „Kannst Du mir verzeihen, Rabbi?" sprach er schluchzend. „Ich habe Dir nichts!zu verzeihen^ Du warst in Deinem Rechte. Jetzt aber löse ich Dem Gelübde, das Du unter falschen Voraussetzungen einst gelobt hast; ich ziehe es gleichsam mit der Wurzel aus: es sei wie nie gewesen; denn wenn Du hättest ahnen können, was später geworden, so hättest Du jenes' Gelöbnis nicht gelobt." „Gott segne Dich, Rabbi," sprach Kalba Sabua unter Tränen. »Komm itzit mir in mein Haus. Die Hälfte meines Vermögens will' ich Dir sogleich übergeben, und die andere Hälfte wird Dir in nicht allzuferner Zeit anheimfallen.' Rabbi Akiba aber ließ Rahel herbeirufen. Als sie kam und ihren Vater erblickte, sank sie ihm zu Füßen und umklammerte seine Knie. Kalba Sabua hob sie auf, umarmte und küßte sie. „Meine Tochter", sprach er, „Du hast besser in die Zukunft geschaut als ich. Vergib mir, daß ich durch meine Hartherzigkeit so viel Elend und Kummer über Dich gebracht!" Fortsetzung folgt.