Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 24 (9.1912)
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 317 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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317 Geschmacke nicht entsprachen, gab den Bediensteten Befehle und Weisungen, tadelte, lobte, handelte und feilschte wie einer, der gewohnt ist, große Bestellungen in großen Geschäftshäusern zu machen. Als er mit seinen Bestellungen zu Ende war, bat er schüchtern und verlegen mit stockender Stimme den Besitzer des Warenhauses um eine kurze Unterredung im anstoßenden Gemache. Das plötzlich veränderte Benehmen des Provinzialkaufmannes fiel dem jüngsten Angestellten des Großgeschästes auf, und er wandte sich deshalb an einen seiner älteren nnd erfahrenern Freunde mit der Frage, was diese schüchtern vorgebrachte Bitte um die kurze Unterredung bedeute, da dieser Handelsmann bei seinen Bestellungen durchaus nicht den Eindruck der Schüchternheit und Befangenheit gemacht habe. „Wisse", gab ihm dieser zur ^Antwort, „diese kurze Unterredung bedeutet, daß er - einen Kredit ^münscht. Er kann nicht bar zahlen und wünscht die Ware auf Borg. So etwas spricht man nicht laut und in Gegenwart von Fremden. Bestellen und anschaffen kann man laut und ungeniert, aber um Kredit bitten, wenn man nicht bar einkauft, dies tut man möglichst leise, und die Verlegenheit ist um so größer, je weniger kreditfähig man sich fühlt." — An den heiligsten Tagen des Jahres, an den Tagen des göttlichen Gerichtes, nähern wir uns alle unserm himmlischen Vater mit unfern Wünschen und Bitten. Diese find in dem usSa im« - Gebete enthalten. Wir beten um das, was uns paßt und nottut: um Leben, Gesundheit, Glück, Zufriedenheit, Heilung, Genesung, Nahrung usw. Was uns nicht paßt, weisen wir einfach zurück: Gott möge unser böses Verhängnis abwenden, den Mund unserer Ankläger und Verleumder schließen und das Urteil vernichten, wenn es ungünstig lautet. Diese Wünsche und Bitten tragen wir laut und ganz unbefangen vor Nur den letzten Absatz des imSb - Gebetes tragen wir mit leiser Stimme vor, denn er lautet: Dipyo ua j'K 'o layi wn .Habe Erbarmen ^vmit uns und erhöre uns, denn wir haben keine Taten aufzuweisen", U)auf Grund welcher wir hoffen könnten, daß unsere Gebete und Wünsche erhört und erfüllt werden. Ja, wir fügen noch hinzu; uay wy nom nput urmTi „erweise uns Gnade und Barmherzigkeit und stehe uns bei". Wer aber um Gnade und Barmherzigkeit bittet, der tut es sehr schüchtern und verlegen und möglichst leise. Daher wird auch dieser letzte Absatz, der das Bekenntnis unserer Armut und Dürftigkeit enthält, in fast allen Gemeinden in Israel leise gesprochen. Und nicht mit Unrecht. Wer so viele Bitten und Wünsche vorträgt, wer so viel anzuschaffen und zu bestellen weiß und seine Bestellungen so ungeniert macht, soll sich eigentlich nicht auf den Kredit allein verlaffen, sondern für deflen Deckung rechtzeitig besorgt sein. —