Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 22 (5.1912)
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 293 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4903180-5965941-5965976--486-4903636- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Cicero 1× ep/1024888
OCR text
293 »Ich muß diesen Dank zurückweisen, Herrin," sagte Akiba. Nicht um meinetwillen hat Gott das Schiff gerettet, sondern weil mein Lehrer sich darauf befand, -er ein frommer, heiliger Mann ist und für den Gott schon manches Wunder getan hat; ich aber bin nur ein unbedeutender Schüler, ein Anfänger in den Wissenschaft." .Wenn Du auch erst ein Anfänger bist," sagte Clemens, .so hast Du doch gewiß schon viel gelernt. Mit Erstaunen habe ich bemertt, wie schnell Du während Deines kurzen Aufenthaltes in Rom Dich in lateinischen Sprache bemächtigt hat. Du sprichst unserer Sprache incht allein correct, sondern auch mit der Eleganz eines Cicero." .Wer ist Cicero?" fragte Akiba. „Cicero," antwortete Clemens, .war ein römischer Senator, der größte Redner unseres Volkes. Die Reden, welche er im Senate gehalten, sind mustergültig. Unsere Jugend bildet sich danach. Er war auch ein Philosoph, rind das Vaterland hat ihm viel zu verdanken." „Was ist ein Philosoph?" fragte Akiba. „Philosoph," antwortete Clemens, „bedeutet eigentlich : Freund der Weisheit. Ein Philosoph wird ein solcher genannt, welcher durch seine eigene Vernunft die schwierigsten Fragen menschlicher Forschung zu beantworten sich bemüht, der, abgesehen von den Lehren der Religion über die Götter, ein System des Weltalls und der Weltenlenkung aufstellt und die Sittenlehren nicht nach den Ergebnissen des eigenen Nachdenkens regelt. Einer meiner Freunde, Artemidorus, ist ein großer Denker und Lehrer der Weisheit. Wenn Du es wünschest, so werde ich Dich mit ihm bekannt machen." „Ich werde Dir dankbar dafür sein," antwortete Akiba. „Mein heißester Wunsch ist, von gelehrten Männern zu lernen." „Du hast mir," sagte Clemens, „noch nicht Deinen Glückwunsch ausgesprochen zu der hohen Würde eines Prätors, eines obersten Richters dieser Stadt, die mir -es Kaisers Gnade verliehen." Fortsetzung folgt.