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Jüdischer Volksbote · 1912-05-01 · 22 (5.1912) · p. Seite 289

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Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1912
Issue
22 (5.1912)
Date
1912-05-01
Page
Seite 289 (sequence 13)
Language
German
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289 hob sich ein furchtbarer Sturm; das Schiff drohte zu zerschellen; ich brachte Domitilla, meine verzagende Gattin, in den untern Schiffsraum. Als ich wieder auf das Verdeck emporstieg, fand ich den Schiffshauptmann und alle seine Leute entmutigt und zum Sterben bereit; da erhob einer der Juden seine Hände gen Himmel und betete zu seinem Gotte. Und siehe da, der Sturm schwieg, die Wellen beruhigten sich — wir waren gerettet. So gestatte mir denn, o Kaiser, meine Ansicht über dieses Geschenk der Juden Dir auszusprechen. Der Stammvater derselben hieß Abraham. Dieser führte mit weni- §en Knechten Krieg gegen vier siegreiche Könige und esiegte sie. Die Juden haben eine Tradition, daß Abraham eine Hand voll Erde gegen die Feinde geworfen und nur dadurch sie überwunden habe. Vielleicht haben die Juden diese Erde wieder aufgefunden und Dir damit ein Geschenk gemacht, welches wertvoller ist als Gold und Edelsteine." Der Kaiser hörte aufmerksam die Worte seines Verwandten. Domitian hatte sich im Krieg noch keine Lorbeeren erworben; sein Vater Vespasian hatte ihm nie gestattet, an Kriegszügen Teil zu nehmen; es war ihm geweissagt worden, daß Domitian durch das Schwert fallen würde, und der alte Kaiser hatte so sehr an das Eintreffen dieser Prophezeiung geglaubt, daß er, als sein jüngerer Sohn einst bei Tafel sich weigerte, Schwämme zu essen, zu ihm sprach: „Iß nur, mein Sohn, Du brauchst Dich vor Vergiftung nicht zu fürchten; der Stahl ist es, der Deinem Leben ein Ende machen wird." — Auch während der kurzen Regierung des Titus hatte sich für Domitian keine Gelegenheit geboten, sich auf dem Schlachtfelde auszuzeichnen. Domitian aber dürstete nach Kriegsruhm; sein heißester Wunsch war, in Rom, gleich seinem Vater und seinem Bruder, als Triumphator einzuziehen. -- Aus Germanien waren beunruhigende Nachrichten eingetroffen. Die wilden Chatten (Hessen) hatten einen Einfall in die römische Provinz gemacht und sich der römischen Festung Moguntiacum (Mainz) zu bemächtigen gesucht. Domitian hatte beschlossen einen Feldzug gegen die Chatten zu unternehmen und als Anführer seiner Heere den heißersehnten Kriegsruhm zu erwerben. Wenn Clemens die Wahrheit sprach, so konnten die gefürchteten, tapfern Germanen gefahrlos überwunden werden, und der Kaiser durfte, als Sieger zurückkehrend, im Triumphe in Rom einziehen und den

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