Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 20 (1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 358 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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- 358 zur Lehre des Ewigen!" Diese ethische Forderung Hillel», eines der größten jüdische« Weisen, gilt jedem vou uns. i Ich habe die Juden beobachtet lauge Jahre, ohne Vorurteil und VoAiebe in kühler objektiver Reserve — der Mensch 'ben Menschen. Ich habe sie kennen gelernt, iu manchem Land unter verschiedenen Berhältuiffen, in den mannigfachsten Lebenslagen: im Gewühl van Weltstädten bei dem aufreibenden Ringen nach Erwerb rastlos vom frühen Morgen biS zur späten Nachtstunde tätig: arme Hausierer und reiche Großkaufleute, Fabrikarbeiter und Bureaubeamte;. in stillen weltfernen Dörfern, an die kaum der Pulsschlag deS starken Lebens unserer Zeit dringt, wo sie im friedlichen Dasein als tüchtige Handwerker fleißig sich mühen und die. Scholle bearbeite»; auf Auswandererschiffeu, die sie fern de» zerstörten.Wohnstätten mit armseligen Resten einstigen Besitzes über den Ozean trugen einer neuen Zukunft entgegen, mit der Bangigkeit des Erlebten im Herzen und doch neu erfaßter Hoffnung: also im Glück des ungestörten, trauten Familieukebeos und im schweren Leid zertrümmerter Eristevzen. Ich saß bei jüdischen Gesetzesgelehrten im stillem Studierzimmer über Talmud, Rambam und Dezisoreu und lernte Perlen tiefgründiger Lebensweisheit fassen. Meinen herzlichen Dank den Guten au diesem Orte. Ich trat mit einem Talmid Ehochom näher dem Geistesleben eines ftüheren Jahrtausends» wie es große Gedanken zu Ewigkeitswerten ausmünzte und ^-^deu kleinen Fragen der Zeitgenossen die religiös-sittlichen Normen für die Lebenspraxjs angak. Ich war Gast in der Sukkoh am Hüttenfeste und freute mich der Festesstimmung mit den Gastfreunden. Ich sah die Weihe der Eabbatlichter und de» Ernst des Bersöhauugstages und lauschte dem Jubel von Eimchat Thor». Ich war im Kreise der Frohen zur Chanukafeier, und an Purim, wo ma* die Armen beschenkt, sah ich das Leuchten speudefroher Augen^ und ihren schimmernden Widerschein bei den Beschenkten — weltversöhneuder Triebe Reflex. Ich bin auch Entarteten begegnet, die des Judentums und 'der menschlichen Gesellschaft sich unwert gezeigt hatten und, von der eigenen Gemeiude ausgestoßen, in irgendeinem Winkel ein fteudeloses Leben dahinsiechten, und wieder anderen, die nach der Entgleisung die Rückkehr fanden und neu auflebteu: so lebenswahr beurkundend das hehre Wort: „Ein Baum dcS Lebens ist die Thora, für jedermann belebend, denn bei Dir, Ewiger, ist des Lebens Quell". Es gibt überall, wo Srdenkiuder wallen, Licht und Schatten. Aber warum — frage ich mich oft — wollt Ihr bei den Juden nur die Schatten sehen? Schaut hin auf die Tausende Tüchtiger und Edler, die gleich uns wirken, ringen, streben: empor zu den Höhen des Daseins! Sollen sie weiter leiden unter der Kleinlichkeit des Vorurteils, des innersten Motivs aller Meuschheitstragödien? Laßt sie Euch doch menschlich näher kommen! Hört ihrer Seelen Flügelschlag — und Ihr werdet sie schätzen lernen als Mitbürger, lieben als Mitmenschen. Machen wir gut, was frühere Zeiten an Schuld gehäuft! Nur mehr der Gerechtigkeit im Urteil und ein entschiedenes Losringeu vom Vorurteil der Haß muß sterben au seinem eigenen Gift, auf, und alle unsere Pfad« seien Frieden I „Möge Dir Herr unser Gott gefallen, Frieden zu stiften wie in Deiner himmlischen, also auch in Deiner irdischen Dienerschaft!" fBerachot 16 d). ynchdrnckerei Loni» Golde, Frankfurt a. M. so macht Euch frei — und Die Liebe aber höret nie