Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 20 (1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 357 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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357 - gehegt in akademischen Kreisen und dem jüngsten Füchslein eingeträufelt, bis er Wurzel faßt? Warum hat eine skrupellose Agitation die ganze Frgge der Warenhäuser, welche doch eine rein kommerzielle und wirtschaftliche ist, aber niemals eine ethische oder gar religiöse sein kan» oder werden wird, verschoben und zu einer Polemik schroffster Art gegen unsere jüdischen Mitbürger gestaltet'? In der völligen Unkenntnis oder vielleicht sogar bewußten Mißachtung der Entwicklungsgesetze, die — wie im Leben des Körpers und Geistes, der Individuen und Völker, der Gesamtmenschheit — ebenso auch im sozialen und wirtschaftlichen Leben bestehen, weil sie im Wesen alles Geschaffenen begründet sind und sein Werden gesetzmäßig bestimmen. Stores'und Trusts, Warenhäuser und Genossenschaften haben weder mit tem Judentum, noch Christentum an sich Gemeinsamkeitspunkte. Eine auffällige Erscheinung in der Stellungnahme vieler gegenüber den Juden ist die Generalisierung. Sie wurde in früheren Zeiten beliebt; man übt sie auch heute. Wenn irgendwo ein Jude, der vielleicht längst in keiner Beziehung zu seiner Religionsgesellschaft mehr steht, sondern gleich manchen Christen ein neuzeitlicher Heide ist, in irgend einer Materie antinational oder antisozial handelt, so kann inan hören und lesen, wie das verallgeineinert wird. Wie ungerecht ist dieses Totum pro parte-fetjen! Aber auch sehr gefährlich. Man denke sich das Prinzip ausgedehnt auf andere Bekenntniffe. auf politische Parteien, auf Berufe und Stände;-wie müßte ein solches Borgehen unser öffentliches Leben vergiften! Zu welchen Konsequenzen müßte das führen! Es ist jedoch zugleich eines Kulturvolkes unwürdig, für Akte eines Individuums die Gemeinschaft, der es faktisch oder nominell zngehört, verantwortlich zu machen. Wie ein Genius epidemicus verbreiten sich in periodischen Schwankungen jene Vergiftungen der Volksseele, die wir als Religionshaß und Rassenhaß benennen. Jede Kulturform und jede Raffe haben darunter gelitten. Bis heute war unsere ganze Kultur nicht kraftvoll genug, den Ausbrüchen solcher zerstörenden Mächte vorbeugend entgegenzuarbeiten. Diese geistigen Epidemien äußern sich je nach der Kulturstufe der Angreifer bald in der brutalen Form der blutigen Verfolgungen, die de» Körper der Gehaßten vernichten; bald in der humaneren Art der gesetzlich fixierten Unterbindung, des Ausschluffes nach berechtigten Ueberzeugnngen: in jedem Falle aber wirken sie ungeheure Verwüstungen in der Menschheit aus. Das beweisen die Judenverfolgungen moderner Tönung; die gegen Einrichtungen des religiösen Bekenntnisses, gegen das wirtschaftliche Lebe» der Juden und in der gefährlichsten Form unter dem Schlagwort des Rassenhaffes den Frieden der Bürger eines Staatsgebildes unterwühlen, in dem sie gleichzeitig die Wurzeln des gesellschaftlichen Verkehrs, die gegenseitige Achtung und das gegenseitige Vertrauen auf Treu und Glauben, zerschneiden. Aber im Namen der Huuianität und Menschenliebe, die Christentum und Judentum lehren, die keine Unterschiede aufstellen, ist es geboten, solchen Strömungen, ehe das agitatorisch aufreizende Wort in die zerstörende Tat übersetzt wurde, Einhalt zu tun, damit der Haß untergehe und die allumfaffende Liebe ihren milden Strahlen über die Gesamtheit der Menschheit ergieße. Vergeffen wir doch nicht über allen äußeren Erfolgen unserer Zivilisation die inneren Güter der Kultur zu heben und für unsere Gesellschaftsgestaltung nach dem alten Mahnworl zu wirken: In allem bleibet bei der Liebe! „Sei von den Jüngern Aharons, den Frieden liebend und nach Frieden strebend, die Menschen liebend und sie hinführend