Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Volksbote · 1912-01-01 · 20 (1.1912) · p. Seite 355

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Volksbote
Volume
1912
Issue
20 (1.1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 355 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4903180-5965941-5965973--444-4903596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

355 kurzen Regierung. Die Hauptstadt des römischen Weltreichs wurde von einem furchtbaren Brande heimgesucht, der unaufgehalten, drei Tage lang wütete und einen großen Teil der Stadt zerstörte. Dann brach eine furchtbare Pest aus, durch welche eine Zeit lang täglich 10,000 Menschen umkamen, noch schreckenerregender wirkte der große Ausbruch des Vesuvs, welcher die Städte Campaniens verheerte. Allgemein erblickte man in diesen schrecklichen Unglücksfällen die Strafe, welche die Zerstörer des heiligen Tempels erreiche. Titus selbst war während der ganzen Zeit seiner kurzen Regierung x leidend. In Judäa erzählte man sich eine merkwürdige \ Geschichte von dem eigentümlichen Leiden des großen^ Imperators. Als Titus, sagte man, den jüdischen Krieg beendet hatte und über das Meer nach Rom zurückkehren wollte, da sei ein furchtbarer Sturm ausgebrochen, und das Schiff des künftigen Kaisers drohte zu zerschellen. Titus stand auf dem Verdecke und schaute finstern Blickes in die wogende, tobende See. Und als der Sturm immer mächtiger wurde und der Mastbaum krachend niederfiel, da rief der Zerstörer des heiligen Tempels: „Du Gott der Juden, wie mir, so hast Du es einst dem Pharao gemacht und hast ihn und sein Heer in den Gewässern ertränkt; es scheint, daß Du nur Macht hast über die Gewässer. Zu Lande aber bin ich mächtiger als Du, denn ich habe Deine Stadt zerstört und Deinen Tempel verbrannt1" — So rief der übermütige Cäsarensohn, und plötzlich legte sich der Sturm, und es gelang dem kundigen Schiffsvolk, das Ufer zu erreichen. Als aber Titus in Brundistum ans Land stieg, da schickte der allmächtige Gott das kleinste seiner Geschöpfe, um den Mitregenten des großen römischen Weltreichs zu bestrafen. Eine Mücke flog herbei und kroch dem Cäsarensohn in eines seiner Nasenlöcher hinauf bis an das Gehirn, um sich dort einzunisten. Die Mücke wuchs, und wurde größer und größer, stets an dem Gehirne des Gemarterten nagend und pochend, so daß Titus keine ruhige Stunde mehr hatte. Einst ging er an einer Schmiede vorbei, als der schwere Hammer mit lautem Getöse auf den Ambos fiel. Dadurch wurde die Mücke stutzig und hörte auf zu pochen - und zu nagen. Als Titus das bemerkte, befahl er, daß stets in seiner Gegenwart mit dem Hammer auf den Ambos geschlagen werde. Aber nach dreißig Tagen war das Jttsect an den Lärm gewöhnt und begann sein Zerstörungswerk aufs Neue. So schleppre Titus, von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.