Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1912
- Issue
- 20 (1.1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 353 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4903180-5965941-5965973--442-4903594- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
353 V- Da löschte er die Flamme und rollte die Thora zu, sprechend: „Nachdenken kann ich auch im Dunkeln und kann das Feuer ersparen". So saß er denn in dem dunklen Raume, sinnend und forschend. Aber bald empfand er, daß ihn die Kälte übermannte. Deshalb zündete er auf Neue ein Stückchen Kienholz an, sprechend: „Du liebes Kienholz, Du gewährst mir nicht allein Speise und Trank, Du leuchtest mir nicht nur bei meinem Studium, Du erwärmst auch meinen Körper und schützest mich vor dem Einschlafen; denn, wenn ich einschlafen würde, könnte die wohltätige Flamme mir gefährlich werden". Und er sann aufs Neue nach über die Frage, welche er sich vorgelegt hatte. Endlich glaubte er die Lösung gefunden zu haben. „Wenn", sprach er, „die heilige Schrift geschrieben hätte: Im Anfänge schuf Gott Himmel und Erde, so hätte die Welt sich irren und meinen können, auch Himmel und Erde seien Gottheiten und hätten mit Elohim gemeinsam das Schöpfungswerk vollbracht. Da aber die Thora den Artikel hinzufügt, so ersieht Jeder, daß Himmel und Erde nicht Schöpfer, sondern Geschaffene sind". Froh ob der gefundenen Lösung suchte Akiba sein Lager auf, um durch einige Stunden Schlaf Kraft zu gewinnen für die Arbeit -es morgigen Tages. Da der erste Arbeitstag Akiba die Mittel für den Unterhalt auf mehrere Tage gewährt hatte, so beschloß er, fürs Erste kein Kienholz zu suchen und wieder ausschließlich Thora zu lernen. Auch drängte es ihn, zu erfahren, ob sein Lehrer die von ihm gefundene Lösung der Frage als die richtige anerkennen werde. Als er nach Gimso kam, fand er seinen Freund Jischmael, dem er die Resultate seines Nachdenkens mitteilte. Dieser aber schüttelte den Kopf und sprach: „Du hast Dich, Freund Akiba, nicht also um das Gotteswort bemüht, wie Du Dich hättest bemühen sollen. Ein solcher Irrtum, wie Du ihn voraussetzest, wenn die Thora den Artikel weggelassen hätte, wäre nicht möglich, denn dann müßte es ja heißen: Im Anfänge schufen Gott, Himmel und Erde. - Deine Frage ist eine richtige, und die heilige Schrift will uns allerdings mit den scheinbar übeEüfsigen Partikeln etwas andeuten. Siehe, als Gott die Welt erschuf, da hat er durch sein Schöpfungswort das All in seiner Gesamthett erstehen lassen, und in den sechs Schöpfungstagen nur das schon Geschaffene auSgebaut. Daher deutet uns der zu „Him-