Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1911
- Issue
- 16 (4.1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Die Sitzung der „Commisfisn für ländliche Wohlfahrtspflege". Der Vorsitzende eröffnete die Beratung mit dem Ausdruck der Freude^ daß die Sitzung unter so zahlreicher Beteiligung stattfinde, und erteilte zunächst dem Referenten für den ersten Punkt der Tagesordnung; „Der Kampf gegen das Detailreisen", Herrn David Reis aus Heilbronn, das Wort. Das Referat ist an anderer Stelle dieser Nummer abgedruckt. In der anschließenden lebhaften Diskussion wurde vor allem die Frage erörtert, ob die „Freie Vereinigung" als eine der Aufrechterhaltung des religiösen Lebens gewidmete Körperschaft Veranlaffung habe, sich mit der vorliegenden Frage, die auf den ersten Blick ganz allgemeiner Natur scheine,, zu beschäftigen. Aus der Diskussion ergab sich mit zwingender Beweiskraft die Bejahung dieser Frage. Die Verhältnisse haben sich ans dem Laude und auch in den Kleinstädten derart entwickelt, daß der ortsansässige Kaufmann in den allermeisten Fällen nicht darauf verzichten kann, seinen Absatzkreis durch das Aufsuchen von Bestellungen außerhalb seines Wohnorts zn erweitern. Wenn also schon an und für sich die „Freie Vereinigung" aus oft dargelegten Gründen alle Ursache hat, der Abwanderung in die Großstädte entgegenzutreten, und wenn dies nur durch Stärkung der wirtschaftlichen Position der ländlichen Glaubensgenossen geschehen kann, so ist hiermit schon die Notwendigkeit eines Eingreifens auch in dieser Angelegenheit erwiesen. Noch wichtiger ist aber ein weiteres Moment. Was heute den Geschäftsmann zwingt, seine Tätigkeit über die Grenzen seines Wohnorts hinaus zu erstrecken, ist die Notwendigkeit, durch die Steigerung des Umsatzes das Sinken des prozentualen Verdienstes und die räumliche Beschränkung des kleinen Consumentenkreises wettzumachen. Der gesetzestreue jüdische Kaufmann nun, der seinen Sabbat wahren will, hat außer mit dieser räumlichen Beschränkung auch noch mit einer zeitlichen Beschränkung auf 5 statt 6 Arbeitstage zu kämpfen. Er ist also umsomehr genötigt, durch intensivere und über ein weiteres Gebiet sich erstreckende Arbeit das wirtschaftliche Gleichgewicht wieder herzustellen. Nachdem im weiteren Verlauf der Beratung die Frage erörtert worden war, ob innerhalb des Kreises der am Sabbat geschlossenen Geschäfte etwa schwer wiegende Interessen gegen das Detailreisen vorhanden seien, wurde folgendes beschlossen: „Der Vorstand der „Freien Vereinigung" wird ersucht auf Grund des von der Kommission ihm zu unterbreitenden Materials bei den Regierungsbehörden zunächst nach der Richtung hin zu wirken, daß durch eine behördliche Enqutzte die geradezu lebenswichtige Bedeutung des Detailreisrns speziell für das Land und die Kleinstädte festgestellt werde. Durch eine solche Enqußte wird bewiesen werden, daß die Einschränkung des Detailreisrns ausschließlich den Großstädten mit ihren Versand- und- Warenhäusern zugute kommen und in furchtbarer Weise zurEntvölkerung des Landes beitragen würde".