Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1911
- Issue
- 16 (4.1911)
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 geistig und körperlich fast vernichtete Volk Israel durch den ersten Schimmer der Freiheit, die wie ein Morgenrot beim Anbruche eines schönen Tages, eine herrliche Zukunft verhieß, wieder aufgerichtet, erstand zu frischem Leben, schüttelte von sich das Joch und der alte, herrliche Geist, das mithinabgenommene Ideal, die große Wahrheit erstanden in ihm mit erneuter Kraft und Lebendigkeit. Denn Israel stand nun unter dem speziellen Gottesschutz. Und dieser Gottesschnd ist uns Menschen, was der erfrischende Tau der Pflanze ist. Wen des Lebens schwere Last niedergebeugt, wen der giftige Pfeil des Haffes und der Bosheit getroffen, so daß er für „sich, von sich und den Menschen keine Aussicht auf bessere Tage, keine Änderung seiner Lage erwartet; wenn ihn diese trübe Lage noch verzagter, noch aussichtsloser, noch verzweifelter den kommenden Tagen und Dingen entgegenschauen läßt: da ist's einzig und allein der Gottesschutz, die Hoffnung, daß der himmlische Vater allein noch Erlösung, Befreiung, bringen kann und Rettung bringen wird, hvas den Gedrückten wieder aufrichtet, Lebensmut und Lebensfreude ihm einflößt. Und wenn gar der Gewiffensbiffe verzehrend Feuer die Eingeweide durchwühlt: ein Strahl des Himmels ein noch so schwacher Trost, eine noch so schwache Hoffnung auf die Verzeihung des himmlischeu Vaters — das ist wie der Tau, der sich allmählich unsichtbar herabsenkt, langsam sich sammelt, während der finsteren Nacht und beim ersten Sonnenstrahl, der darauf fällt, wie. eine Träne glänzt, die der gute Engel des Lichtes vergossen, wie eine Freudenträne über das neu erstandene Leben. — So erhebend, so erquickend, so lieblich wie der Tautropfen am frühen Morgen in dem halbverschloffenen Blumenkelch, ganz so ist das sich wieder im Gottesschutz fühlende, vorher fast verzweifelte Menschenherz. Die alten Völker mit ihrem Kultus des Schönen und Sinnlichen, aber auch mit ihren ausschweifenden Huldigungen ihren Gottheiten gegenüber, anderseits mit ihrem kraftvollen Auftreten, ihrer weltbezwingenden Kraftentfaltuug: wie glänzende, feurige Sonnen steigen sie auf, schaffend und zerstörend, sich selbst aber bald aufreibend und vernichtend. Von ihnen und ihrer Götteranschauung blieb nichts übrig. Es war ein verzehrend Feuer, das bald erlosch und nur um so dichtere Finsternis hinterließ; es war nicht das Licht der Wahrheit, welches die Finsternis durchdringt und zerstreut. Nicht das Erhabene, Große, Edle und Reine, sondern das Furchtbare, Mächtige, Gewaltige, Leidenschaftliche und Verderbende diente ihnen als Bild der Gottheit. Der' Götterkultus entsprang daher weniger dem tieferen, inneren Empfinden, der reinen Vernunft, war nicht ein Herzensbedürfnis, er entstand nicht aus Liebe, er war vielmehr ein Produkt der Angst und Furcht. Nicht läuternd, veredelnd und die Sittlichkeit fördernd, nicht den ganzen Menschen zum Edlen, Reinen und Erhabenen hinführend und zum Streben anspornend wirkte dieser Götterkultus. Nicht die Moral wurde als Grundprinzip hingestellt; im Gegenteil: Freude und