Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1911
- Issue
- 15 (3.1911)
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 250 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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250 ein höheres Ziel haben, einen allgemeinen Gesichtspunkt, unter dem er die Dinge betrachtet. Aber was dieses Allgemeine sein soll, worin dieses Ideal bestehen soll, das die einzelnen Handlungen deS Menschen zu etwas Höherem macht als bloß natürliche Vorgänge, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Und wenn wir das Leben der Menschen beobachten, dann werden wir sehen, daß bei sehr »ielen der Reichtum das höchste Ziel ist, dem sie zueile», daß all ihr Tun und Lassen, all ihr Denken und Fühlen beherrscht ist von dem Wunsche, recht viel zu besitzen, und daß sie der Förderung dieses Zweckes auch das Heiligste und Erhabenste nnterordnen. Und die Hingebnng an dieses einzige Streben äußert seinen Einfluß auch im Verkehr mit den Mitmenschen: man bringt die höchste Verehrung dem entgegen, der auf den größten Reichtum Hinweisen kann, während man den aruien Bruder mit Verachtung und Geringschätzung behandelt. Andere betrachten diesen Reichtum nicht als Selbstzweck, er ist ihnen nnr ein Mittel, um Macht und Einfluß zu gewinnen. Ihr höchstes Ziel ist eben die Mach t. Im Privatleben kann sich dieses Streben »ach Einfluß -nur in dem engeren Kreise äußern, dem der Mensch angehört, bei den Staaten zeigt es sich in der Sucht möglichst große Ländermassen zu erwerben, ohne den Gedanken an das Elend und Unglück, das dadurch verbreitet wird; denn dieses Prinzip beruht auf der rohen Gewalt. — Höher stehen diejenigen, die in der Wissenschaft, in der Erkenntnis ihr Ideal sehen. Sie wollen alles erforschen und alles begreifen, sie glauben mit ihrem Geist ebenso die Höhen des Himmels wie die Tiefen der Erde ergründen zu können, und wähnen, daß es für die menschliche Bernnnst keinerlei Schranken gäbe. Da treten die pZltt vor uns auf. Sie zeigen uns diese Ideale der Reihe nach in ihrer Nichtigkeit, in ihrer Vergänglicheit,. sie lehren uns daß die wahre Lebensaufgabe des Menschen auf einem anderen Gebiete liegt. Zuerst ist es die ntf *©. die von allen verlangt für das Heiligtum eine Gabe zu spenden, und da lautet das Wort Gottes: Der Reichtum genießt keinen Vorzug; dnin die dienen dazu um die Opfer vor Gott darbringen zu können, und vor Gott ist kein Unterschied zwischen dem Reichen, der Schätze auf Schätze gehäuft, und dem Armen, der heute nicht weiß, wovon er morgen sein Leben fristen wird. Wenn es gilt, das Heiligtum zu erhalten, die geistigen Güter Israels zu schützen, da ist es nicht der äußere Besitz, der in Frage kommt, da sind es die die Seelen, da ist es die Begeisterung, die in den Herzen jedes Einzelnen glüht, die Hingebung, mit der er sich dem Göttlichen zu weihen