Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1909
- Issue
- 5 (5.1909)
- Date
- 1909-05-01
- Page
- Seite 78 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Auch zu uns war sie gekommen. Wochen der Muhe waren dein Sederabend vorangegangen, denn in den Häusern uud Häuschen hob ein Scheuern und Putzen an, dem auch der älteste Staub nicht gewachsen war. Das Unterste ward zu oberst gekehrt, und durch die verwaisten Fensterscheiben, die den Schmuck der Gardinen auf Wochen entbehren mußten, konnte der Wandersmann bequem in die Zimmer hineinschauen, datin „geschüttelt" wurde. — Ich habe den Trubel immer gerne gehabt, denn die halbleeren Zimmer mit den zusanimengeriickten Stühlen, den deckenlosen Tischen, das Klopfen, und Kratze», das Rennen und Richten, und schließlich das Käschern und Glühen, es waren mir lauter Akkorde des schönen Pesachliedes, das vom 15. Nissan an das jüdische Haus erfüllt. — Am Chomez-Baudek-Abend huschten kleine Lichtchen durch Gänge und Stuben, Trepp' auf und ab bis hinauf zu den Bodenkammern und hinab zu den Kellerräumen, und am anderen Morgen ward die Beute des Abends auf dem großen Hofe gemeinsam verbrannt. - Tann aber ward's Jaum-Tauw. Wie ein König zog er ein in unseren Kreis; die Zimmer erstrahlten in Lichterglanz, die silbernen Becher, darin schon die Väter und Großväter die Arba Kausaus getrunken, füllte roter Wein, und die glückliche» Augen der Großen und leuchtende Kinderaugen schauten stillverklärt zu der Sederschüssel, die die Mitte des Tisches zierte. Durch die Feststube zogen die Sederklänge in ihrer schlichten Schönheit. Bald in dem uralten Nigun von Awodim Hojinuh und bald in Liedern und Lobgesängen von heiligem Jubel. „Und bau und bau und bau den Tempel Schiroh" klang es im Chore durch das traute Festgemach und zog durch die leise klirrenden Scheiben hinaus in die stille Nacht des Schirm und Schutzes — Seil Schimurim. — Das war unser Seder, und so harmonisch und schön wie er, so ging ganz Pesach dahin. Und als am achten Abend der Chomezstern langsam und leuchtend aufging, und wir mit dem chomezdicken Borchuh von den Festesklängen Abschied nahmen, da war keiner, der sich freute, daß der Jaumtauw nun „zu Gutem" vorbei sei, wohl aber zog eine leise Wehmut durch unser Herz. Denn ein treuer Freund hatte uns verlassen. Aber ein anderer war an seine Stelle getreten. Am zweiten Sederabend war er gekommen ohne viel Lärm und ohne feierliches Gepränge — Sefiras Hoaumer war gekommen, und blieb bei uns bis zum Schwuausfest. Und wir zählten. Tage und Wochen, nicht die da kamen, sondern die vergangenen, nicht mit Ungeduld, die die Stunden hinwegzählen möchte, sondern mit Freude und Sammlung, die eines jeden Tages betend gedenket. Wenn dann ein Tag zu Ende ging, und die Dämmerung ihre Hände über die Erde breitete, dann sammelten wir uns in den Wochen der Sfiroh in unserer Schul und dankten in innigem Segensspruche Ihm, der.uns das Gesetz der Ssiroh gegeben. — Israel sollte nimmer der Zahl vertrauen, sollte nie gezählt werde», um nicht stolz zu werden auf die Größe der Zahl