Jüdischer Volksbote
- Journal
- Jüdischer Volksbote
- Volume
- 1908
- Issue
- 1 (10.1908)
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 9 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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9 jüdischenMitbürgern Mazzaus am Pejsach zu bekommen, sie revanchieren sich durch Blumen für die Suckoh, sie kennen den Lulof und Esrog, den die Jude» offen durch die Straßen tragen und wissen, wenn sie den Ton des SchofarS im Elul hören ,daß mit diesem »Winterhörnchen", wie sie es nennen, die hohen Feiertage der Juden herannaheu. Man weiß auch genau, wohin die Juden am Schabbos »nach Schul" ihre Spaziergänge zu chachen pflegen, während sie am Bormittage die-Chaussee »hinauf" langsam nnd bedächtig wallen, ist es seit undenklichen Zeiten Sitte, am Schabbos Nachmittag in demselben gemütlichen Tempo die Chaussee »runter" zu pilgern. Aber den Höhepunkt des Gemeindelebens am Schabbos bildete der »Schiur" oder das »Lernen" am Schabbos Bormittage um 11 Uhr. Wer hei der Bersteigerung der Mizwos am letzten Simchas Thauroh das höchste Gebot darauf machte, der hat in seinem Hause für das laufende Jahre diese ehrenvolle Mizwoh des Lernens. Da versammeln sich alle Männer, selbst die Knaben kommen, und hören aufmerksam dem Lehrer zu, wenn er aus irgend einem d^ bekannten Schiurwerke über die Sidroh Erklärungen vorträgt oder vor einem Festtage die bezüglichen »Dinim" aus dem »Schulchan Aruch" lehrt, oder wenn irgend ein anwesender armer Jude als »Orach" lernen kann und auch etwas vorlernt. Nebenbei aber ist diese Lernftunde auch so eine Art Gemeindeparlament, wo die Erlebnisse und Ereignisse der ganzen Woche besprochen werden, wo der eine oder der andere, der eine größere Zeitung liest, das Neueste zu berichten weiß, wo zuweilen auch irgend etwas Interessantes aus dem »Israelit" vorgelesen wird. Plötzlich beginnt ungeahnt der Lehrer zu lernen. Alles hört aufmerksam zu, wenn auch in heißen Sommertagen hie und da ein leises Schnarchen das Lernen begleitet, bis ein Nachbar durch einen zarten Rippenstoß dem musikalischen Teil ein Ende macht. Nach dem »Rabbonimkadisch" zerstreut sich das männliche Gemeindeparlament und die ganze Khille geht wie auf Verabredung zum Mittagessen. Dieses „Lernen" war etwas Herrliches, etwas Zaubervolles, denn es gab der Gemeinde einen Zusammenhalt, dem Schabbos die wahre Weihe, eS war wenig, aber es wurde, gelernt, man wurde angeregt, mau warf Fragen auf über schwierige Stellen der Sidroh, man wußte, daß es eine Thorah gab, und daß durch die Thorah die Jüdischkeit erhalten wurde. Leider hat dieses Lernen, das doch das Geringste ist was an Lernen geleistet werden konnte, auch schon in sehr vielen Landgemeinden aufgehört, und mit diesem Aufhören sind noch viele herrlichen Bilder deländlichen SabbatlebenS verblaßt. Die „Alten" sind in di« Ewigkeit gezogen, die »Jungen" haben daS Interesse an diesem Lernen verloren, und haben sich den schönen Schabbos moderner gestaltet. Sie halten wohl noch den Ruhetag, aber das echte alte Echabbosleben ist geschwunden. Mit dem Aufgeben des Schiurs hat es begonnen, und ein Stein ist dem anderen gefolgt. Darum möchte ich den Aufruf an die jüdischen Landgemeinden ergehen lassen: Haltet fest an dem SchabboS.schiur, oder wo er fehlt führt ihn wieter ei». Die „Freie Bereinigung" giebt Ench gerne Ratschläge und stellt Bicher zur Beifügung für Lehrer und Zuhörer. Er,, der Schiur, ist das Band das die Gemeinde zusammenhält, wie die Thorah im Großen dar ganze Judentum