Jüdische Monatshefte
- Journal
- Jüdische Monatshefte
- Volume
- 7 (1920)
- Issue
- 3/4 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Tischrcgeln. 7:t 2. Zwei essen aus einer Schüssel (was ja bei unseren Feldsol.!laten etwas alltägliches war). Wenn sich nun der Eine heim Essen unterbricht, weil er etwa trinken oder sonst etwas Triftiges he• sorgen möchte, muss auch der andere sich unterbrechen und warteil, bis sein Tischgenosse wieder zu essen anfängt. Essen aber drei zusammen, dann brauchen sich die Zwei durch die Unterbrechung des Einen nicht stören zu lassen. Wer einmal hei einer Hochzeitstafel oder einem sonstigen Festessen beobachtet hat, mit welch tiefem, wenn auch stillem, Ingrimm eine von heiligem Egoismus ausgerauhte Fleischplatte die zuletzt Drankommenden zu erfüllen pflegt, wird es verstehen, dass und warum unsere Weisen eine Tischregel aufgestcllt haben, die auch fürs gemeinsame Essea das Kecht der Eigenliebe und das Dehnt der Nächstenliebe sorgsam gegeneinander abgrenzt. 8. Ueher das Triukgelderwesen hat das Judentum sehr patriarchalische Ansichten. Das Heligionsgesetz empfiehlt statt einer Entlohnung des Kellners in Har die l'eberweisung eines Teiles der Speisen. Diese Vorschrift enthält einen fruchtbaren sozialethischen Gedanken, der unseres Erachtens gerade in der jetzigen Zeit der Nahrungsmittelnot manchen Segen stiften könnte. Wie wiir's, wenn allmittäglicb in den Häusern der Keichen eine entsprechende Zahl von Armen sich cintiuden würden, um einen Teil der Speisen in Empfang zu nehmen? Wie viele Arme könnten sich da sättigen, ohne dass die Keichen zu verhungern brauchten! 4. Im Gegensatz zu anderen animalischen Funktionen wird heim Esscu die OefTentlichkeit nicht ausgeschlossen. Ja. das gemeinsaine Essen in lauter Gesellschaft, hei heilerer Unterhaltung und frohem Kecherklang, hat einen geistigen Heiz, der einer Mahlzeit, die in stiller Einsamkeit eingenommen wird, ahgdit. Umsomehr jst heim gemeinsamen Essen aut taktvolles Henehmen zu achten.