Jüdische Monatshefte
- Journal
- Jüdische Monatshefte
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 9/10 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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210 Trennung von Kirche und Staat. revolutionären Zeiten, wenn die prinzipiellen Vorfragen zur Debatte gestellt werden, weder die Kirche noch den Staat befriedigen. ad 4! Auch dann, wenn die Kirche vom Staat getrennt ist, dient nie ihm mit ganzen Kräften, indem sic ihn! bei der Erziehung seiner Bürger zu guten, arbeitsamen, gerechten, friedfertigen Menschen hilft. Ihr stehen für diese Erziehung ganz andere Mittel zugebote wie den! Staate. Ihr Reich ist nicht von dieser Welt; was daher bei der staatlichen Erziehung wie ein Seitensprung in das Reich der Idee ausschaut, fügt sieh hei der kirchlichen Er- Ziehung in die Gesamtheit ihrer Welt- und Lehensanschauung harmonisch ein: Der Staat kann die Sittlichkeit blos empfehlen, die Kirche kann sic fordern. Es ist aber klar, dass eine staatliche und kirchliche Doppelsittlichkeit weder den Interessen des Staates noch der Würde der Kirche entspricht. Denn hört die Sittlichkeit nicht auf, Sittlichkeit zu sein, wenn sic nnfiingt, ein Problem zu sein? Und sie wird zu einem sehr zweifelhaften Problem, wenn die Staatsbürger schon als Schulkinder melken, dass es nicht blos sehr verschiedene Methoden der Erziehung zur Sittlichkeit, sondern auch sehr verschiedene Auffassungen der Sittlichkeit selber gicht. Man kann gespannt darauf sein, wie das Problem Staat und Kirche im zionistischen Palästiua gelöst werden wird. Man kann da vielleicht ein hochinteressantes Schauspiel erleben. Da kann sich herausstellen, welch gelehrige Schüler der europäische Modernismus in seinen zionistischen Adepten hat, wenn sie ״ was ja leider höchstwahrscheinlich ist — auf Palästinas geweihtem Boilen einen jüdischen Kulturkampf zwischen Staat und Kirche entfesseln werden, der alles in den Schatten stellen wird, was im 19. Jahrhundert im engen Raume der jüdischen Gemeindestubc an heftigen Kämpfen zwischen Diesseits- und Jenseitsmenschen aus getragen wurde. Wie heisst cs doch so vielsagend im Grundbuche des Zionismus, in Theodor llerzls Judenstaat: ״Wcrdeu wir also am Ende eine Theokratie haben? Nein! Der Glaube hält uns zusammen, die Wissenschaft macht uns frei. Wir werden daher theokratische Vellcitiiten unserer Geistlichen gar nicht aufkommen lassen. Wir^ werden sie in ihren Tempeln fcstzuhalten wissen, wie wir unser Berufsheer in den Kasernen!enthalten werden. Heer