Jüdische Monatshefte
- Journal
- Jüdische Monatshefte
- Volume
- 6 (1919)
- Issue
- 5/6 (1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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131 Cber das.Predigen. Predigt danach. Er muss, wenn er eR nicht vonsieht, eine talinud- und midraschreine Predigt /u halten, in der heiligen Litteratur sehr lange suchen, bis er einen der - Frauenempore imponieren• den - Sehlager entdeckt. So wird der Prediger 7.um Schauspieler. Seine schauspielerischen Talente werden ihm aber sehr wenig nutzen, wenn er es nicht zugleich versteht, sich hei seinem Publikuni belicht zu machen. Diese Beliebtheit hat mit Rhetorik und («yJohrsamkeit nichts zu tim. Sie bedeutet ein Verzichtleisfen auf die sittliche und religiöse Besserung des Zuhörers. Sie hat den Begriff des ״netten Rabbiners’‘ geschaffen. Nett ist aber ein Rabbiner nur dann, wenn er in seinen Predigten davon absieht, ein Ziichtredner zu sein. Das Publikum liebt cs nicht, sich von seinem Rabbiner, den es bezahlt, einen Spiegel Vorhalten zu lassen. Der Prediger soll und dar! nur das predigen, was seinen Zuhörern genehm ist. Zwar ist das Zischen in der Synagoge noch nicht eingefiihrt. Es gieht aber allerhand Schleichwege, es den Prediger merken zu lassen, dass man mit ihm nicht zufrieden ist. Wie sagt doch Nathan Birnbaum in seiner lesenswerten Schrift ״Gottes Volk" auf S. 42 so schön und richtig: ״Ihr habt Rabbinen in allen euren (iemoinden. Weisen der Lehre Warum seid ihr so blind, nicht zu sehen, wie uhntniie. tig sie unter euch sind dass sie den Mächtigen dienstbar wurden, den Mächtigen an Beutel und an Stirne, und statt zu Führern zu Sclnemiehlen geworden sind?" Der Mann hat wirklich Recht. Die Rabbiner sind zu Sehlemiehlcn geworden, aber erst seitdem sie kein höheres Streben kennen, als mit ״netten" Pred'gten sich bei ihren (iemcindcu beliebt zu machen. Vor hundert Jahren stand die Predigt noch im Zentrum den jüdischen A'olksinteresses jo Deutschland. Zur Zeit, als die Kley, Salomon, Auerbach usw. den Spott Heines erregten, culminierte in einer gut stilisierten und gut vorgetragenen Predigt die Kultur- und Einanzipationssehusncht der deiitsclieu Judenbeit. Eine gute Predigt war das Symbol der neuen Zeit. Gegenwärtig kommt der Predigt nur noch ein historisches Interesse zu. Die Weltanschaoung der deutschen Juden wächst nicht in sondern ausserhalb der Synagoge. Das gilt auch von der Orthodoxie. Den Prediger hat der Journalist und Politiker abgelöst. Eine rausehende Vereint-