Jüdische Monatshefte
- Journal
- Jüdische Monatshefte
- Volume
- 4 (1917)
- Issue
- 2 (1917)
- Date
- 1917-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4900572-5964860-5964935--1326-4901853- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
62 Naaenttsrn. Nasenstern. 1. Wer kennt nicht Nasenstern? Wer, der einmal Heinea Kabbi von Harhnrarli gelesen. erinnert sich nicht an diese gelungene Figur, an eine der gelungensten, die Heines spottlustiger Muse gelangen? Nasenstern ist ein Kind des alten Frankfurter Ghettos, der gemeinsam mit Jäkel, dem Narren, das Tor des Judempiartiers vnn innen bewachen muss, während es von aussen von Stadt- Soldaten bewacht wird. Das Frankfurter Juden1|11artier hatte nänilieh ״zwei Tore, die au katholischen Feiertagen von aussen, an jüdischen Feiertagen von innen geschlossen wurden, und vor jedem Tor befand sich ein Wachthaus mit Stadtsoldaten". Diese jüdisehen und christlichen Ghettowächter stellten in der Art und Weise, wie sie ihre Aufgabe erfüllten, einen vollendeten Gegensatz dar. Der Trommelschläger Hans war ein lustiger, mutiger Geselle, »eine schwere, dicke Gestalt*, der sich vor Niemandem fürchtete, am allerwenigsten aber vor den Juden. Ja, er liebte cs, die jüdischen Wächter zu ärgern, indem er die Melodie des Liedes trommelte, .das einst die Geissler hei der Judenschlacht gesungen, und mit seinem Tauben Hiertone gurgelte er die Worte; 1,’nsre liehe Franc, die ging im Morgenthaue, kvrie eleison!“ Ganz aufgeregt wurde der Nasenstern, wenn er diese Melodie hört(*. rllans, das ist eine schlechte Melodie“ — rief eine Stimme hinter dem verschlossenen Tore des Juden<|uartiers — ״Hans, auch ein schlecht Lied, passt nicht für die Trommel, pass! gär nicht und hei Leihe nicht in der Messe und am Ostermorgen, schlecht Lied, gefährlich Lied, Han«, Hänschen, klein Tromiuelhänschen, ich hin ein einzelner Mensch, und wenn du mich lieh hast, wenn du den Stern lieh hast, den langen Stern, den langen Nasenstern, so hör auf"! Man sieht ihn leibhaftig vor sich, diesen N’ssenstern, der wegen seiner langen jüdischen Nase diesen seltsamen Namen trug. Mau sieht ihn sich entliirhen, im Augenblick, wo die Töne dieses schaurigen Liedes an sein Ohr klingen und auch seine flehentlichen Angstrufc sind so echt und wahr empfunden, sind selber so schaurig